review by ChristiansFoyer
The Amazing Spider-Man 2012
Watched Jun 27, 2012
ChristiansFoyer’s review:
[...]Wandelt der Comicfilm eigentlich gerade die gängigen narrativen Paradigmen des Kinos um? Generell wahrscheinlich nicht, auf sein Genre bezogen aber vielleicht schon. Nach frame by frame-Adaptionen und der bombastogasmischen „The Avengers“-Zusammenkunft mit dem einzelhandlungsübergreifend-strukturellen Element der Comickultur, wo sich die Wege der Helden regelmäßig zum Schlussakt eines Großereignisses kreuzen, setzt das anfangs so überflüssig wie ein neuntes Spinnenbein scheinende „Spider-Man“-Reboot diesen Schmelzprozess der Medien Comic und Film nun fort: parallel laufende Inkarnationen des selben Helden mit zusammenhängenden oder unabhängigen Storylines, Reimaginations und multiversen Erzählungen, sowie die Arbeit verschiedener Kreativteams mit individuellen Ansätzen sind in der Heftchenwelt vollkommen normal, allein Spidey bringt es auf zig fortlaufende Serien und nun bekommt auch das Kino neben dem klassischen „Spider-Man“ seine Neuinterpretation mit Marc Webbs „The Amazing Spider-Man“. So könnte man sich das zumindest schön reden, wenn man den Film nicht des bösen Wortes Reboot wegen vorverurteilen und es vermeiden will, davon zu sprechen, dass zuvorderst knallharter finanzieller und kreativer Streit zwischen Raimi und dem produzierenden Studio einen vierten „Spider-Man“ verhinderten.[...]
[...]Sam Raimis Spinnologie ist zu zwei Dritteln gutes bis herausragendes Comicentertainment, allerdings auch bereits vor dem enttäuschenden dritten Teil mit einigen Schwächen oder zumindest Dingen, die eine andere Herangehensweise begünstigen: der whiney Spidey, wie ihn Tobey Maguire gab, ist nicht jedermanns Sache (und mal ehrlich: wenn Maguire eines NICHT drauf hat, dann den sexy cry…) und Raimis Filme spielen öfter als gut ist Seilspringen mit der Trennlinie zwischen „mensch-“ und „jämmerlich“. Der verschenkte Green Goblin (von seiner Bedeutung her das Joker-Equivalent im Spideyversum) und sein Power Rangers-Look, die wenig glückliche Entscheidung, jeden Showdown auf die Errettung Mary Janes hinauslaufen zu lassen (trotz des dauerndes Gejammers, sie durch Nähe nicht in Gefahr bringen zu wollen…). Marc Webbs The Amazing Spider-Man macht in manchen der genannten Kritikpunkte einiges anders, nur ist das nicht immer gleichbedeutend mit besser.[...]
[...]Andrew Garfields Peter würde Tobey Maguires Parker noch vor Erhalt seiner Superkräfte ganz schön ins Heck treten. Garfield spielt einen Teenager voller Wut, Enttäuschung und mit einem starken Drang nach Aufbruch in sich, den die spätere Arachnidenpower ihm ermöglicht, aber ihn nicht überhaupt erst bedingt. Das macht aus Garfield aber auch den schwerer zugänglicheren Parker, Maguires naive Hilflosigkeit zog einen allein aus Mitleidsreflex sofort auf seine Seite, während Garfield eben viel weniger schutzbedürftig, durch die Backstory der verschwundenen Eltern von Beginn an mehr getrieben und in seinen Methoden teils linkischer wirkt. So ist der angry Parker aus „The Amazing Spider-Man“ aber im Vergleich der interessantere Charakter gegenüber seinem Emo-Ebenbild. Das beide Filme die gleichen Eckdaten abklappern müssen schadet indes der Neuverfilmung. Der Biss der Spinne, das Entdecken der Kräfte, die Ermordung Onkel Bens – das alles verläuft in „The Amazing Spider-Man“ nicht detailgleich, weshalb man’s sich auch ein zweites Mal innerhalb so weniger Jahre ansehen kann, aber Raimis „Spider-Man“ hat’s einfach besser gemacht. Zum Beispiel war Cliff Robertson der herzlichere Ben Parker, während Martin Sheen im Variationsbemühen des neuen Films nicht mal das berühmte Credo »With great power comes great responsibility« wortgenau wiedergeben darf, was dann letztlich genau so bemüht wirkt, wie einige andere „muss halt rein“-Momente.[...]
[...]Direkt vor dem zu sehr auf Genrestandart getrimmten Showdown gelingt „The Amazing Spider-Man“ sehr schön jener Moment, in dem die Stadt und ihre Bürger den Helden als den ihren zu umarmen beginnen, schließlich ein ganz wichtiges Element der Spidey-Mythologie: der Wandkrabbler ist kein kontinentaler, kein globaler und erst recht kein planetenbereisender Held, Spider-Man ist New Yorks Held, allein der Logistik wegen gehört er in die Hochhausschluchten Manhattans. Zwar wird da auch wieder Raimi-like eine US-Flagge prominent ins Bild gerückt, Marc Webb verzichtet aber auf die Post-9/11-Traumabewältigung, die den Vorläufern dabei überdeutlich anhaftete. Wie gut „The Amazing Spider-Man“ ohne deren Atem im Nacken insgesamt wäre, lässt sich schwer beantworten. Sobald die Spinnen-Action richtig losgeht, also etwa ab Hälfte des Films, rückt der Vergleich eigentlich in den Hintergrund, ab da überwiegt mehr die Lust und die Laune am Wiedersehen mit dem Wandkrabbler, der eben nicht wegen nix Marvels populärster Soloheld ist. Garfield haut den Gaunern frech blöde Sprüche und seine Netzfäden um die Ohren und wie sich das gehört definieren nicht nur die Heldentaten, sondern auch die bereits in diesem ersten Ableger recht zahlreichen Verluste seine Identität und sein Schicksal. Obwohl auch nicht gerade originell ist die zweite Hälfte von „The Amazing Spider-Man“ die wesentlich bessere und für die sicheren Sequels werden genügend lose Fäden gesponnen, um gespannt darauf zu sein, wie es ausschaut, wenn Webb oder wer auch immer sich so richtig mit dem Spinner austoben darf, ohne am klebrigen Netz der Raimi-Trilogie zu hängen. Dann kann’s vielleicht wirklich amazing werden.[...]
komplett: christiansfoyer.de/2012/06/28/review-the-amazing-spider-man/
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