Warrior 2011 ★★★★

[...]»Must be hard to find a girl who can take a punch nowadays«, raunt der Heimkehrer Tommy voller Verbitterung und Verachtung in Richtung seines Dads und wundert sich wenig später, zum Wiedersehen nur einen Kaffee angeboten zu bekommen. »So you found God, huh? That’s awesome. See, Mom kept calling out for him but he wasn’t around. I guess Jesus was down at the mill forgiving all the drunks. Who knew? I think I liked you better when you were a drunk.« Vergebung hat Tommy für seinen Vater nicht übrig, egal, wie reumütig der alte Mann auch darum bitten mag. Autor und Regisseur Gavin O’Connor verhandelt nicht zum ersten Mal eine komplexe Familienproblematik innerhalb eines klar definierten Genres: nach dem dirty cop-Thriller „Pride and Glory“ (2008) konvertiert er Geschwister-, Eltern- und Generationenkonflikte nun in einen Kampfsportfilm. Der hochgelobte „Warrior“ ist deshalb auch keine action- und spektakelfokussierte Kloppeveranstaltung, auch keine Milieustudie eines momentan angesagten Vollkontaktwettkampfes, sondern eine reichhaltige Beobachtung und unmittelbare Begleitung einer in Einzelteile gerissenen (Männer-)Familie. Subtilität ist dabei nicht immer oberste Regel, der emotionale Einschlag sitzt aber.[...]

[...]„Warrior“ nicht als Box- oder Wrestlingdrama aufzuziehen, sondern die Mixed Martial Arts-Szene als Hintergrund zu nutzen, erweist sich nicht nur der Unverbrauchtheit wegen als sinnig. Sechs Teile lang „Rocky“, „The Wrestler“, „The Fighter“ – was gäb’s da schon noch zu zeigen? Die käfigumzäunten Fights hingegen fügen dem Film nicht nur ein paar zusätzliche Ecken und ein bißchen Maschendraht hinzu, sondern der Kampfdramaturgie auch etwas unbändiges; die Kombination aus verschiedenen Kampfsportarten und –techniken und die Vielfältigkeit, in der eine Auseinandersetzung entschieden werden kann, sind an ein weit weniger starres Regelwerk gebunden. Und da es in „Warrior“ nicht um ‚einen‘ Fighter auf dem Weg zum persönlichen Triumpf geht, sondern um das Aufeinanderzubewegen zweier Brüder, nutzt O’Connor das gegeben breite Feld der Möglichkeiten, um jedem der beiden seine ganz besondere Ringidentität zu geben, den Kampfstil umso deutlicher zum Ausdruck von Persönlichkeit und all dessen zu machen, was für diese beiden einander fremd gewordenen Männer auf dem Spiel steht.[...]

[...]Bis es aber überhaupt soweit ist lässt „Warrior“ sich die nötige Zeit, der Film taucht langsam zum Kern seiner Konflikte hinab, statt sich überhastet hinein zu stürzen. Die Brüder werden lange getrennt aufeinander zubewegt, Tommy aus seiner grobkörnigen grauen, Brendan aus seiner helleren, familäreren Welt heraus, als eingefügtes Bindeglied der verabscheute Vater, von dessen Seite der eine Sohn in frühester Kindheit wich und der andere in der vergeblichen Hoffnung blieb, einen besseren Vater zu finden, wenn er ihn nur für sich allein hätte. O’Connor entzündet dabei nicht den einen großen Brand, sondern lässt viele kleinere und größere, gemeinsame wie individuelle Feuer glimmen, seine Figuren werden nicht in eine klar definierte Ecke gestellt und von dieser aus aufeinander losgelassen, kaum ein Handeln leitet nur ein einziger Grund.[...]

[...]Die Story von „Warrior“ rund um das große Turnier, die Umstände der Teilnahme und die Gegner bis zum dramatischen Finale – das bleibt alles Konstrukt, da bewegt sich der Film nicht über organische Pfade sondern geplante Wege, da hat „Warrior“ dann doch einen Rahmen, der die Unbändigkeit, dieses filmgewordene Newtonsche Gesetz von Kraft-ist-gleich-Masse-mal Beschleunigung in Grenzen presst. Und tatsächlich nimmt sich „Warrior“ dadurch manchmal selbst in einen kräfteraubenden submission hold. Der perfekte Kampfsportfilm ist Gavin O’Connor nicht gelungen, dafür bedient er sich einiger Mechanismen zuviel, zu denen scheinbar niemandem Alternativen einfallen wollen, was ja den Sportfilm allgemein zum berechenbarsten aller Genres macht. Die anfeuernden Daheimgebliebenen, die ihre Ablehnung und Ängste überwindende Adrian…ähhh…Ehefrau, die im entscheidenden Moment dann doch ihrem Mann beisteht, die enthusiastischen Kommentatoren, die sich immer anhören, als hätten sie eigentlich gar keine Ahnung von dem was sie da reden, und der böse Russe (der zum Glück nicht überstilisiert wird) – das sind alles Dinge, die „Warrior“ nicht gebraucht hätte, da sie seinem Publikum ähnlich eingespielter Sitcom-Lacher zu sehr vorschreiben, wie es gerade zur Situation zu stehen hat, was die starken Charaktere auch mühelos für sich hinbekommen.[...]

[...]Das sind aber alles in allem bloß kleinflächige Schwellungen und Cuts, mit denen man der dichten Deckung und puren emotionalen Power der letzten Stunde von „Warrior“ nicht beikommen kann. Je näher das unvermeindliche Finale rückt, desto intensiver wird der Film, denn eine Beonderheit hat er den meisten Genrekollegen voraus: sein Ausgang ist völlig offen, die perfekt gegeneinander inszenierten Austeiler- und Nehmerqualitäten der Brüder und ihr am Ende als gleichwertig enttarnter Einsatz und alles, was für jeden von ihnen auf dem Spiel steht, all das schließt den klaren Favoriten aus – und dennoch finden beide nach einem den Atem mehr als einmal stocken lassenden Fight zu ihrem verdienten und konsequenten Triumph. Das ist packend choreographiert, wird aber besonders von dem getragen, was Joel Edgerton und Tom Hardy aus ihren Figuren machen. Der Underdog, der sich gegen alle Widrigkeiten durchbeißen muss und die unaufhaltsame Kampfmaschine; eigentlich ein Prota-/Antagonist-Schema, wie es klassischer nicht geht, aber in „Warrior“ natürlich ungleich komplizierter und graustufiger. Getrieben von tiefer Verbitterung, geplagt von seiner Vergangenheit und immer genauso kurz vorm Aus- wie vorm Zerbrechen ist Hardy der tragischere der Brüder, eine respekteinflößende, unbeirrbare Gewalt des Zorns, aber innerlich zerstört, in unvereinbare Bruchstücke gespalten, von Hardy sensationell gespielt.[...]

komplett: christiansfoyer.de/2012/02/10/review-warrior/

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