Whiplash ★★★★

Mir ist schon lange kein Film mehr so durch Mark und Bein gegangen wie "Whiplash". Ich habe richtig am ganzen Körper gezittert, als der Abspann lief. Und ich bin zutiefst zerrissen. So emotionale Darstellung von Musik habe ich noch nie im Kino erlebt. Diese Close-ups, diese Schnitte und Reißschwenks, fantastisch! Selbst wenn ich Jazz nicht mögen würde, müsste ich mich dem beugen.
Aber was sagt mir der Film? Braucht man für Exzellenz wahrscheinlich Blut und Schweiß? Ja. Züchten wir uns in manchen Bereichen eine Kultur der Mittelmäßigkeit heran, weil wir jedem einen Pokal geben? Vielleicht. Sollte man sich Tyrannen nicht beugen? Hell yeah. Könnte ich heute ein besserer Schlagzeuger oder ein besserer Schreiber sein, wenn ich mich mehr gequält, weniger aufgegeben und generell nichts anderes getan hätte, als zu üben? Wahrscheinlich. Aber ist es das wirklich, worum es bei Musik geht? Sind die bewundernswertesten Musiker wirklich diejenigen, die ihren inneren Derwisch entfesseln konnten und jetzt schneller und präziser spielen als jeder andere? Dieser Meinung will ich mich einfach nicht beugen. Und zwar nicht nur, weil ich dann zugeben müsste, dass ich dieses Level egal in welcher Disziplin nie erreichen werde (mir sind, ähnlich wie Andrews Cousins, auch andere Dinge wie Freunde und Zufriedenheit im Leben wichtig). Sondern auch, weil das Solo, das Andrew am Ende des Films spielt, wahrscheinlich das langweiligste Schlagzeugsolo ist, das ich je gehört habe. Es ist mir egal, ob Blut auf dem Becken ist; Schnelligkeit und spielerisches Feuerwerk sind einfach nicht alles.
Einer meiner Lieblingsschlagzeuger ist Carter Beauford von der Dave Matthews Band. Er spielt komplex und präzise, aber er besitzt dabei eine unfassbare Leichtigkeit. Er grinst und kaut Kaugummi, während er wie ein Zen-Mönch durch die Synkopen surft. Ringo Starr und Keith Moon waren als Drummer technisch solide, aber ihre wahre Größe entstand aus ihrer faszinierenden Persönlichkeit am Kit und abseits davon.
Für sich genommen will Schlagzeuger sowieso keiner hören. All diese guten Musiker wären nichts ohne die Menschen, die ihnen die Songs schreiben. "Caravan" und selbst "Whiplash" mit seinem hypnotischen 14/8-Beat leben nicht von ihrem Tempo oder ihrer Komplexität, sondern von der Magie, mit der sie ihre Harmonien und Grooves transportieren. Und diese Magie entsteht immer nur zu einem gewissen Teil aus Blut, Schweiß und Tränen. Den Rest der Gleichung macht etwas Ungreifbares aus, das sich auch durch lebenslanges Üben nicht erreichen lässt.
Bei den Oscars gibt es den alten Satz, das dort oft nicht das "Beste" sondern das "Meiste" ausgezeichnet wird. Nicht "Best Acting" sondern "Most Acting". Und in einem Jahr, in dem "Birdman" die "Bester Film"-Trophäe mit nach Hause genommen hat, ein Film, der auch vor allem durch Feuerwerk auf allen Ebenen begeistert, macht auch "Whiplash" meiner Ansicht nach den Fehler "Best Drumming" mit "Most Drumming" zu verwechseln.
Er wird mir trotzdem noch eine ganze Zeit in den Knochen stecken.