Black Widow

Black Widow ★★★½

Ich bin schwer überrascht. Das aus dem Hause Marvel noch Filme ohne große Weltenbedrohung erscheinen, die im Mittelteil das Superhelden-Theater auch mal komplett einstellen und nur von Figurenbeziehungen erzählen…hätte ich nicht mehr mitgerechnet. Ich dachte, die Formel ist klar: kein echter Anfang, weil Bezug zu 23 anderen MCU-Filmen genommen werden muss, dann kommt der generische Bösewicht, Explosion A, B und C, ein richtiges Ende gibt’s dann leider nicht, weil ja noch die Weichen für 3 neue MCU-Filme gestellt werden müssen.

„Black Widow“ kann diesen Balast zwar nie ganz abschütteln, etwa beim eher unsinnig in den Film gequetschten Taskmaster, der völlig blass bleibt oder den ausladenden CGI-Materialschlachten, aber dazwischen nimmt sich der Film ausreichend Zeit für Zwischenmenschliches und Figuren, denen ich richtig gerne zugesehen habe. David Harbour ist ein richtig guter Neuzugang, Florence Pough will ich künftig auch häufiger sehen. Generell: es macht viel aus, wenn richtig versierte Darsteller wie Ray Winstone oder Rachel Weisz in zwischenmenschliche Konflikte gehen und die Charaktere gut geschrieben sind.

Die Action pendelte etwas unstet zwischen nervösem Handkamera-Gezitter und wuchtigen Karambolagen umher. Der Hang zum digitalen Stunt stört auch hier wieder einige richtig starke Action-Setpieces, aber Regisseurin Cate Shortland hat immerhin ein Auge für rasantes Tempo und die Wucht der Einschläge. Es ist trotzdem schön auch wieder Marvel-Action zu sehen, in denen sich nicht gottgleiche Kreaturen die Plasmafelder um die Ohren hauen, sondern in osteuropäischen Städten mit Uzis auf Motorräder geschossen wird. So real war die MCU-Action seit „Winter Soldier“ nicht mehr.

Es ist dennoch irgendwie traurig, weil „Black Widow“ erst jetzt, am vermeintlichen Ende der Figur Natasha Romanov, das erzählen darf, was ich gerne schon viel früher über sie gewusst hätte. In den „Avengers“-Konstellationen wirkte Black Widow immer wie reingequetscht, gerade so mit dem Mindestmaß an Persönlichkeit ausgestattet, damit die Frauenquote erfüllt ist und man jemanden hat, der im hautengen Catsuit durchs Bild flickflackt. Jetzt, nachdem die Männer alle schon mehrfach in Einzelfilmen randurften und vermutlich erst dank dem durch „Wonder Woman“ und „Captain Marvel“ erbrachten Beweis, dass auch weibliches Superheldenkino funktionieren kann, erkenne ich wie gut Johannsen die Rolle füllt und wie spannend die Figur hätte erzählt werden können, wenn sie nicht zur Randnotiz verdammt worden wäre.

Zur Video-Kritik: youtu.be/rybF0BYRgNg