Victoria

Victoria ★★★★½

"Und danach fahrt ihr nachhause und haltet die Beine still. Ich melde mich, viel Spaß."

Sobald dieser Satz in die Ohren von Victoria eindrang, war es um den leichtfüßigen Spaß auf Basis von Alkohol und Drogen ihrer Begleiter geschehen und eine unfassbar starke Authentizität mit dazugehöriger Adrenalinspritze für den Zuschauer als auch für unsere Protagonisten erfasste den Raum, welche bis zum Ende anhielt und einen nicht mehr loslassen wollte.

Wo die Idee einer solchen Straftat wenig originell oder spannend ist, so wird dieser Punkt durch seine meisterhafte Inszenierung mit einem 12 seitigen Drehbuch und seiner One-Shot-Vermarktung, die selbst diesen simpel konstruierten Handlungsstrang auf eine emotionale Ebene bringen, in der sich auch noch die greifbare Nähe zum Berliner Nachtleben, welche mit einer neuen Bedeutung des Wortes "Intensiv" geradezu glänzen, einreihen darf.

Das eine einzig lange Plansequenz auch Probleme mit sich bringt, dürfte wohl jedem klar sein. Der Fokus verliert sich manchmal so sehr, man könnte durch den Sonnenaufgang denken, man befinde sich im Meer. Die Authentizität, welche übrigens nicht nur ab der zweiten, sondern auch schon ab der ersten enthalten ist, später nur stärker zum Ausdruck gebracht wird, leidet mehrmals unter dunklen Gassen, Wegen und Gänge, wo man jedoch schon fast denken kann, dass dies ein weiteres Stilmittel von Victoria ist, seine Nähe zur Realität unter Beweis zu stellen.

"Ich finde Sie (Laia Costa) schon wirklich knuffig, doch die Kappe steht ihr mal überhaupt nicht."

Leute die Victoria gesehen haben, wissen was eventuell was ich damit meine. Gehen wir aber mal von der Kappe hinüber zu unseren Darstellern, erwartet uns beinahe ein wahres Wunder. Ich bin zwar nie ein Freund des "Deutsche reden mit einem gebrochenem Akzent Englisch" Verfahren gewesen, doch hier wirkte es auf die Handlung und den Zuschauer viel stärker und kaum abweisend, wie es bei mir sonst der Fall wäre. Somit bekommt man hier nicht nur eine ganze Menge an Denglisch zu hören, sondern auch eine Meisterleistung von Frederick Lau und der süßen Laia Costa zu sehen. Die beiden tragen mit Abstand dieses Spektakel auf ihren Schultern von Punkt A zu B, ohne auch nur einmal zu enttäuschen. Zudem haben beide auch eine Wahnsinns Chemie zusammen, was zu der wohl besten Szene (Piano) in den gesamten zwei Echtzeit Stunden führte. Alle anderen Darsteller waren ebenfalls in Topform unterwegs und haben die Reise durch das nächtliche Berlin mit viel Humor aber auch Wut und Emotionsausbrüchen geprägt.

Ein weiteres Highlight in der schon nie mehr endenden Säule von Highlights ist neben der Cinematography, welche wie gesagt hier und da seinen Fokus verlor sowie in dunklen Ecken und Kanten immer mal wieder zu Schwarz ist, und trotzdem noch immer überzeugen konnten, auch wenn 70% nur aus Nahaufnahmen der Gesichter bestand, der Score sowie sein Ton. Vor allem der Ton ist hier positiv zu vermerken, denn dieser macht die Begegnung beider Parteien zu dem, was man hier am Ende mit seiner Greifbarkeit bekommen hat. Nichts von alledem wirkt in irgendeiner Weise überspitzt oder fehlplatziert. Dazu kommt noch der wunderbare Score, welcher nicht nur immer die perfekten Situationen, in denen sich die Figuren befinden, untermalt, sondern auch verdammt gut im Kopf bleibt.

Victoria ist so vieles, aber vor allem eines: Ein (beinahe) Meisterwerk aus dem eigenen Land. Etwas, was ich niemals dachte passiert nun doch. Ich kann jedem der ihn noch nicht gesehen hat ans Herz legen, ihm eine Chance zu geben. Netflix regelt meine Freunde!

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