Joker ★★★★★

Nun, wie macht man einen Film über einen Comic-Bösewicht, ohne dass sein Gegenspieler, der eigentliche Held, im Film auftaucht? VENOM stellte mich letztes Jahr (ungefähr zur selben Zeit) sogar vor die Frage, ob das überhaupt geht ... und jetzt kommt da auch noch Batmans berüchtigter, bereits unerreichbar von Heath Ledger verkörperter, Gegenspieler, der Joker daher ... wie macht man einen Film über einen derart ikonischen Bösewicht, der mittlerweile wohl längst auf einer Stufe mit Darth Vader steht?

Nun, die Antwort ist: genau so! Todd Phillips JOKER geht unter die Haut, ist provokant, realistisch, geerdet, dreckig, traurig, eingepackt in brillante Bilder, verpackt in einen brillanten Soundtrack, gespielt von einem brillanten Joaquin Phoenix und wenn überhaupt nur zeitweise vielleicht etwas zäh und das Ende hätte man vielleicht auch schon ein paar Szenen vorher setzen können aber das ist Jammern auf hohem Niveau, denn ich war durch und durch beeindruckt von diesem JOKER.

Mit einer stoischen Ruhe erzählt uns dieser Film die traurige Geschichte von Arthur Fleck, der übergangen, übersehen und im System letztendlich einfach liegen gelassen wird. Ohne großen Kitsch und Pathos, ohne dass das Ganze zu inszeniert oder forciert wirkt, sondern irgendwie einfach stets glaubhaft daherkommt. Man glaubt, die Figur zu verstehen, erkennt aber im nächsten Moment, dass man sie einfach niemals verstehen kann und wird und trotzdem fühlt man mit ihr mit ...

JOKER vermittelte mir am Ende tatsächlich mehr als glaubhaft, dass die Gesellschaft und das Umfeld Fleck zu dem gemacht haben, was er ist. Dabei schlägt der Film einen tollen Bogen zur Batman-Geschichte, ohne dass der Film je wie ein Comic-Film daherkommen würde.
JOKER ist ein ausgewachsenes Drama, ohne Action und mit nur wenigen expliziten Gewaltszenen. Gelassen und ruhig schildert Phillips hier nicht nur den Verfall der Hauptfigur, sondern auch den Verfall einer Stadt. Dass Strahlemann Thomas Wayne in dieser Version auch mehr als schlecht wegkommt passt perfekt und der Film bietet zu jeder Zeit tagesaktuelle Probleme.

Die Welt sieht das Individuum nicht mehr und wählt wütende Clowns zu ihrem Anführer, am meisten trafen mich jedoch Arthurs Gedanken über mental kranke Menschen, von denen die Gesellschaft erwartet, dass sie so tun, als hätten sie keine ... so viel deprimierenden (und zugleich euphorisierend guten) Wumms hätte ich einer Comicverfilmung wahrlich nicht mehr zugetraut ...

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