Rich Hill ★★★★

Zwischen Energy Drinks und Zigaretten fristen die jugendlichen Protagonisten in dieser Dokumentation ein trostloses Dasein am Rande der Gesellschaft. Dabei schaffen es die beiden Regisseure gekonnt, das White-Trash-Stigma für ihre Figuren zu umschiffen und sie mit würdevoller Zuneigung in ihrer Gesellschaftsnische zu begleiten. Die drei Jugendlichen und ihre Familien werden den Zuschauer dadurch auch nach Filmende nicht loslassen.

Amerika gilt als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo man vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen kann. Was nicht heißt, dass dies der Fall ist. Vielmehr genießen die 1 Prozent ihren Reichtum, während die anderen 99 Prozent schon zufrieden sind, wenn sie halbwegs über die Runden kommen. So wie die drei Figuren aus der Unterschicht einer Kleinstadt namens "Rich Hill", ein Name, der nicht eines gewissen Zynismus' entbehrt.

"Wir sind kein Abschaum, wir sind gute Menschen", stellt der 13-jährige Andrew gleich zu Beginn klar. Er lebt mit seiner Schwester und seinen Eltern aktuell mal wieder in Rich Hill, nachdem die Familie ständig umzieht. Je nachdem, wo sein Vater, ein glückloser Musiker, gerade Arbeit findet. Vermittelt die Dokumentation anfangs den Eindruck, dass Andrews Mutter eine geistige Behinderung hat, zeigt sich später, dass sie vielmehr eine starke Alkoholikerin ist. Die Liebe ihres Sohnes scheint dennoch unerschütterlich, auch wenn man das Gefühl hat, manche seiner Liebesbekundungen könnte eher für die Kamera gedacht sein.

Etwas angespannter ist das Verhältnis im Haus des 12-jährigen Appachey. Hier wechseln sich Müll und Klamotten auf dem Boden ab, die Verwahrlosung zeigt sich in jeder Ecke. Sie hatte nie ein Leben, hatte nie Träume oder Hoffnungen, verrät Appacheys Mutter Delena. Als sie aus dem Haus ihrer Mutter nach der Schule auszog, wurde sie selbst Mutter. Sie hat ihr Leben quasi für ihre Kinder geopfert, die sie nun, nachdem sie der Vater vor sechs Jahren verließ, alleine großziehen muss. Appachey wiederum vertreibt sich die Zeit mit Skaten oder Rauchen, während er Medikamente gegen ADHS und andere Verhaltensauffälligkeiten erhält.

Nicht minder angespannt ist die Situation beim 15-jährigen Harley. Er lebt inzwischen bei seiner Großmutter, nachdem Mutter Joann wegen versuchten Mordes im Gefängnis sitzt. Die Gründe hierfür - und womöglich auch für einige Verhaltensstörungen von Harley - werden im Laufe von Rich Hill noch zum Thema. Mit seinem aggressiven Temperament und einer Vorliebe für Messer legt sich früh ein unheilvoller Schatten über den Jugendlichen, der bevorzugt die Schule schwänzt, um daheim zu schlafen. Seine Großmutter ist mit ihm ebenso überfordert wie die Mütter der anderen beiden. Und dennoch meinen sie es nur gut mit ihnen.

Hier zeichnet sich die Tragik des Films ab - die Protagonisten von Rich Hill sind weniger Opfer ihrer selbst als des Systems. "Gott muss mit allen anderen beschäftigt sein" , sagt Andrew. Und hofft zugleich, dass er irgendwann dennoch in sein Leben treten wird. Stoisch nimmt er die Entscheidung seiner Eltern hin, als sie später wieder umziehen. Und doch lässt er sich den Lebensmut nicht nehmen. In einer neuen Schule wird er eben neue Freunde finden, neue Mädchen, die ihn mögen. Die anderen zwei sind weniger zuversichtlich.

Die beiden Filmemacher sind an ihren Figuren dabei so nah dran, wie es fast nur in den USA möglich scheint. Dabei schafft der Film das Kunststück, die finanziell schwachen Familien nie bloßzustellen, sondern vielmehr stilvoll ihre problematische Situation unterhalb des Existenzminimums zu dokumentieren. Als ein sozio-kulturelles Porträt hinterlässt die Dokumentation starke Eindrücke bei ihren Zuschauern. Nicht zuletzt dank ihrer drei jugendlichen Protagonisten. Insofern gelingt Rich Hill ein wichtiger Blick in eine Gesellschaftsnische, der wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Würden die Figuren aus Harmony Korines Gummo existieren, sie könnten Einwohner von Rich Hill sein.

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