Chernobyl ★★★★½

"Nun bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten.“

Mit diesem Satz kommentierte der Physiker Robert Oppenheimer die Zündung von Trinity - der ersten Atombombe der Welt. (Für Fakten-Freunde: das war am 16. Juli 1945 um 5:29:45 Uhr) Es war eine recht freie Übersetzung und Interpretation der „Bhagavad Gita“, einer zentralen heiligen Schrift des Hinduismus. Das spielt inzwischen allerdings kaum noch eine Rolle, ist dieser Satz doch so etwas wie Popkultur geworden. Immerhin wurde mit ihm auch der 2014er „Godzilla" von Gareth Edwards beworben. Angesichts der HBO-Miniserie „Chernobyl“ musste ich wieder an ihn denken. Denn sie ruft alle Emotionen ab, um zu zeigen, wie grauenvoll zutreffend Oppenheimers Aphorismus zum Start des nuklearen Zeitalters war.

Ich habe noch keine Serie gesehen, die so hart, so anspannend, so traurig, so furchterregend, so detailliert und mit so dramatischer Zugkraft eine wahre Tragödie verarbeitet. Ich war 10 Jahre alt, als Reaktor 4 explodierte. Ich habe die Angst mitbekommen, die die Erwachsenen selbst bei uns in Wiesbaden hatten. Auch wir durften nicht raus in den Regen oder im Sand spielen, obwohl wir so weit weg von Tschernobyl und Prypjat waren. Ich habe die wenigen, aber ständig wiederholten Fernsehbilder gesehen. Und ich muss beschämend gestehen: ich hab erst jetzt, nach all den Dokus, die mich nie ernsthaft interessiert haben, nach all den Quatsch-Filmen oder Unterhaltungsprodukten wie „Call of Duty - Modern Warfare“ so wirklich begriffen, wie mies und verheerend dieser Unfall wirklich war. Oder immer noch ist.

Aber da ist dann noch dieser andere Satz. Er fällt direkt zu Beginn der 1. Folge und lautet: "Die eigentliche Gefahr ist doch die: wenn wir nur genug Lügen hören, erkennen wir die Wahrheit nicht mehr.“ Und er soll der Serie zum Verhängnis werden. Zumindest, wenn es nach einigen Kritikern geht, die ihren Anspruch auf Kritik aufrecht erhalten wollen. Es gäbe zu viel Drama, zu viel Fiktion, hier und da auch zu viel Pathos und zu viel Unnötiges, das dem realen Ereignis, dem realen Schrecken die Wucht oder den Platz zur Entfaltung nehmen würde. Nun, so berechtigt diese Betrachtung auch sein mag und so wenig ich an dieser Wahrnehmung ändern kann: ich kann beides so gar nicht teilen.

Ab hier herrscht leichte SPOILER-Gefahr: Ja, Drehbuchautor Craig Mazin und Regisseur Johan Renck haben einiges erfunden. Zum Beispiel hat es die Atomphysikerin Ulana Khomyuk (glaubhaft stoisch wie hartnäckig: Emily Watson) nie gegeben. Demnach sind ihre Ermittlungen, ihre KGB-Inhaftierung oder ihre Informations-Aufmärsche bei verschiedenen Genossen pure Fantasie. Es mag auch pure Fantasie sein, dass der Politiker Boris Shcherbina so oft mit Hinrichtung gedroht hat, wenn jemand seine Befehle in Frage stellt. Genau wie sein Gespräch, in dem ihm Jared Harris als Chemiker Valery Legasov mal eben das Prinzip eines Kernreaktors erklärt. Oder Legasovs zahlreiche Ansagen vor Gorbatschow inklusive Zentralkomitee über die Gefahren, die Schäden und die bevorstehenden Tode, die die Katastrophe mit sich bringt. Und die Episode im Gerichtssaal ist vermutlich genauso pathetisch wie Kinder, die in der radioaktiven Asche spielen.

Warum bin ich jetzt doch so begeistert? Nun, weil ich eben keine akkurate Dokumentation erwartet habe. Weil diese fiktionale Aufarbeitung so verdammt gut gemacht ist. Und weil ich gar nicht weiß, wo ich mit meiner Begeisterung anfangen soll. Probieren wir es mit dem Handwerk. Ich mag die entsättigten Farben. Oder die auf „alt“ getrimmte Optik, durch die sich digitale Effekte wie viele Hintergründe oder ein Hubschrauber, der in einer radioaktiven Wolke verendet, nicht so direkt vom Restbild absetzen. Und ich verbeuge mich vor der gloriosen Ausstattung. Egal ob Klamotten, Möbel, Tapeten, Schutzanzüge, Fahrzeuge (zB für die Mondfahrt), Zigarettenschachteln oder Gegensprechanlagen: dieses Russland der 80er wirkt so lebendig wie greifbar. Und ich liebe die Musik, die nie wirklich pompös, sondern dezent, aber deswegen so effektiv die jeweiligen Stimmungen aufgreift.

Womit ich beim - wie passend - Kern bin: die Stimmung. Es ist für mich fast unglaublich, wie viele Genres diese Serie aufgreift und wie zielsicher sie deren Eigenschaften ausspielt. Ich saß bereits in der 1. Folge mit zusammengekrallten Händen vor dem Mund da, als die Feuerwehr anrückt, um sich ahnungslos dem Brand zu widmen. Oder wenn die Techniker völlig unvorbereitet durch die Gänge des Kraftwerks irren. In der Hoffnung irgendetwas erklären, lösen oder aufhalten zu können. Meine Hände krallten sich noch fester zusammen als dann erste Wunden gezeigt wurden. Oder wie sich die Bewohner von Prypjat auf einer Brücke versammeln, um das „Feuer“ besser sehen zu können. Begleitet von diesem „Oh mein Gott“-Gefühl, wenn sich ein Vater mit Kinderwagen dazu gesellt und sein Baby auf den Arm nimmt. Oder wenn dann eben die Kinder im Asche-Regen spielen und ja, fast tanzen.

Das ist Pathos, der bei mir wirkt. Der mir ans Herz und ins Hirn geht. Denn er wird eben durch den Aufwand und eine Erzählung aufgefangen, die es schafft, dieser unsichtbar-vernichtenden Macht eine Greifbarkeit zu verleihen. Indem sie zum Beispiel die Naivität oder Ahnungslosigkeit der Menschen in der Umgebung zu meiner Angst macht. Indem sie mit hervorragender Make-up-Arbeit Körper zeigt, die durch die Strahlung zu undefinierbaren Fleischklumpen geformt wurden. Eben auch, weil sie in Form von Legasov und Khomyuk all die Erklärungen liefert, die mir dabei helfen, die Ausmaße zu verstehen. Egal wie fiktiv oder zeitraubend sie sein mögen. Und die darüber hinaus von Drama-, Horror-, Polit-Thriller- oder Eventkino-Elementen unterfüttert wird.

Es brach mir das Herz, als die alte Bäuerin von ihrem leidgeplagten Leben erzählt - und dann ansehen muss, wie ihre Kuh erschossen wird. Ich war immer wieder fassungslos, wie KGB, Politbüro oder Zentralkomitee die Katastrophe runterspielen, ignorieren oder klein reden wollten - und wie bereitwillig die Bevölkerung ihre Lügen geschluckt hat. Ich war schweißgetränkt und bis zum Anschlag angespannt, als die Freiwilligen in die Bewässerung-Anlage des Kraftwerks steigen - und kann mich an kaum einen Horrorfilm der letzten Jahrzehnte erinnern, der mich mit so wenigen Mitteln (Dunkelheit und das Kratzen des Geigerzählers) gepackt hat. Und ich war immer wieder fasziniert von den Bildern, die einen etwas größeren Rahmen einnehmen. Zum Beispiel das Soldatenlager, in dem gesoffen, gerüstet und auf den nächsten Säuberungs-Einsatz gewartet wird. Oder die Massen-Evakuierung von Prypjat. Oder die Bulldozer, die die verseuchten Felder umpflügen. Oder die Männer in ihren Gummianzügen, die im Säuberungsregen der Tankwagen stehen und ebenfalls die Stadt dekontaminieren.

All das würde für mich schon reichen. Es wird aber noch durch ein paar tolle Darsteller-Leistungen abgerundet. Allen voran Harris und Watson. Aber ich mag tatsächlich auch Stellan Skarsgard als Boris Shcherbina, egal wie sehr er sich nach Klischee anfühlen mag. Und auch so viele andere wie zum Beispiel Fares Fares (Rogue One), Ralph Inseson (The Witch), Barry Keoghan (Killing of a Sacred Deer) oder Alex Ferns (Legend) als Minenarbeiter-Chef Andrei Glukhov - mein heimlicher Held. Sie alle tragen ebenfalls dazu bei, dass ich diese 5 Stunden begierig aufgesogen habe. Und dass ich nun diese ewige Liebeserklärung mit folgenden Worten beende: „Chernobyl“ macht Angst, fassungslos und (zumindest) ein wenig schlauer. Aber vor allem gibt mir diese Rekonstruktion wieder dieses inzwischen so seltene Gefühl, etwas wirklich Großes gesehen zu haben. Etwas, das einzigartig ist. Das neu definiert. Und auch meine Bewegtbild-Seele wieder ein Stück verändert hat. Also ganz pathetisch: Eine Trinity-Bombe für das Miniserien-Genre.