My Imaginary Country

My Imaginary Country ★★★★

Man ist ja immer wieder erschrocken, wie wenig man vom Weltgeschehen mitbekommt. Gerade von den Konflikten der Südhalbkugel bekommt man allzu meist nur Bruchstücke mit. Durch die Coronapandemie im Besonderen sind gerne Erinnerungen an unmittelbar davor liegende Ereignisse verschüttgegangen. Wer hat denn noch auf dem Schirm, dass 2019 in Chile die Regierung umgewälzt und eine neue Verfassung geschrieben wurde? Zum Glück bringt Patricio Guzmán diese historisch einschneidende Episode wieder ins Bewusstsein und das aus nächster Nähe.
Guzmán, der schon seit den 60ern den Leidensweg seiner Heimat dokumentiert, kehrt aus dem europäischen Exil erneut in seine Heimat zurück, da sich etwas bewegt. Millionen von Menschen säumen die Straßen und erheben sich gegen das soziale Unrecht unter Präsident Piñera. Eine Erhöhung der U-Bahn-Ticketpreise war der Tropfen, der Fass zum Überlaufen brachte, und die schon lange unter massiver Ungleichheit leidende Bevölkerung begann den Kampf. Piñeras Reaktion war eine prompte Erklärung des Ausnahmezustandes, der radikale Einsatz des Militärs gegen die Bevölkerung. Guzmán filmt Szenen wie unter Pinochet. Überall zerhauen Menschen allen Alters und Geschlechts den Pflasterstein, um sich gegen die wild in die Menge schießenden Soldaten und Polizisten zu wehren. Mal ist Guzmán mitten drin und sieht zwischen dem ohrenbetäubenden Lärm von Schreien und Kochlöffeln auf Töpfen, wie Jugendliche brutal beschossen und niedergeworfen werden. Mal filmt er das nicht enden wollende Menschenmeer mit der Drohne. Es ist ein Bericht von der Front.
Dabei geht es dem Regisseur jedoch besonders auch um die Breite der Front. Chris Marker habe ihm einmal gesagt, man müsse, um ein Feuer zu filmen, immer schon bereit sein, die erste Flamme zu fotografieren. Das ist dem Exilanten nicht gelungen. So versucht er aber dennoch die Wurzeln nachzuverfolgen. Guzmán spricht mit den Kämpferinnen von der Front, oft alleinerziehende Mütter, mit den Komponistinnen der Widerstandshymnen, mit Notsanitäterinnen, mit Leuten aus sozialen Brennpunkten, in Kolonien außerhalb der Städte. Es geht dabei weniger um einzelne zentrale Figuren und Experten, sondern vielmehr um die Masse selbst, um die Menschen, die diese Revolution gebildet haben. Ein zentraler Aspekt ist dabei jedoch auch, dass Guzmán betont nur Frauen interviewt. Zwar ist die Bewegung keine dezidiert feministische Frauenbewegung gewesen, doch wird unterstrichen, dass die Frauen nicht nur auch, sondern vor allem in der ersten Reihe gestanden haben. Vor allem skizziert der Dokumentarfilm "My Imaginary Country" den Kampf als Krieg gegen eine patriarchale Ordnung der Gewalt, die besonders Frauen strukturell benachteiligt. Guzmán zeigt, wie es vor allem für sie ein Schritt zur politischen und sexuellen Gleichberechtigung, schlicht zu gleichen Überlebenschancen ist. Er zeigt es als eine Anti-Diskriminierungsbewegung, die auch für die Queeren und Indio kämpft, die in Chile besonders lange schon zu leiden hatten. Egal ob die tosenden Gesänge gegen den sie vergewaltigenden Staat oder die schlichten, ergreifenden Berichte von den Verletzten, die man aus nächster Distanz blindgeschossen hat. Guzmán kann in den nicht einmal eineinhalb Stunden seines Filmes nicht alle Details des Sturmes aufarbeiten, doch schafft er es, seine durchdringende Kraft wehen zu lassen. Wenn im neubesetzten Parlament plötzlich überall Frauen zu entdecken sind und am Rednerpult eine Indio-Dame steht, dann spricht dieses Bild mehr als jeder Nachrichtenartikel.
Damit gelingt Chiles unnachgiebigsten Dokumentarfilmer in "My Imaginary Country" ein Zeugnis von der Intensität seiner "Battle of Chile"-Tage. Das ist vor allem interessant, da die letzten Dokumentationen mit ihren mehr abstrakten, fast kosmischen Fragen rund um Chile schon so einen endgültigen, altmeisterlichen Gestus hatten. Der über 80 Jahre alte Guzmán dreht hier aber einen Politfilm wie im Revolutionskino der 60er und 70er, unmittelbar und pulsierend. Dennoch pflegt er auch wieder seine eigenen Erinnerungen an seine Gefangenschaft in Pinochets Konzentrationslagern ein sowie den Fels der Kordilleren, der den Protestierenden zur Munition wird. So behält er Film seinen persönlichen Ankerpunkt trotz des kollektiven Freskos und wirkt wie ein Endpunkt einer langen, erschöpfenden Kette von Anstrengungen. Und dennoch ist es kein müder Film. Im Gegenteil: Er brennt.

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