Early Spring

Early Spring ★★★★½

Es lässt sich fast schon als epochal bezeichnen, in welcher Breite, mit welcher Deutlichkeit und mit welchem Nachdruck dieser Film ausformuliert und ausbuchstabiert, welchen nahezu religiösen Stellenwert Arbeit, Beruf und Karriere in der japanischen Gesellschaft haben und wie es genau das ist, was dem Leben und der Liebe Stück für Stück den Raum und den Wert nimmt.

Komplette Existenzen werden um die Arbeit und die damit verbundenen gesellschaftlichen Normen herum konstruiert. Ein Privatleben im Sinne von Freund*innenschaften, Liebe, Familie und Kindern muss innerhalb dieses Konstrukts stattfinden oder gar Teil des Konstrukts sein bzw. werden. Es ist die Dehumanisierung mit Ansage.

Dazu legt Ozu hier radikal offen, mit welcher Doppelmoral auf die jeweiligen Rollen von Mann und Frau geblickt wurde, wie hinsichtlich dessen unverhohlen mit zweierlei Maß gemessen wurde. Damit ist der fast 70 Jahre alte Film ziemlich gegenwärtig.

Und trotzdem gelingt ihm zum Abschluss etwas, das irgendwo auf der Grenze zwischen Utopie und dem Glauben an den Besserungswillen des Menschen lebt: die Möglichkeit, die Konstrukte einzureißen, die Trümmer zu planieren und so auf gleichberechtigter Ausgangsposition neu anzufangen, zueinander zu finden.

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