Star Wars: The Last Jedi ★★★★½

Das ist keine Review. Das ist keine Kritik. Das ist der Versuch etwas zu verarbeiten, was nur sehr schwer zu verarbeiten ist. Der Versuch, den kontroversesten Star Wars-Film auseinanderzunehmen und ihn wieder zusammenzusetzen.

SCHWER ZU VERARBEITEN
Dass The Last Jedi so schwer zu verarbeiten ist, liegt auch am Thema: Star Wars war schon immer Star Wars - was auch immer das bedeutet. Doch zumindest haben wir seit über 40 Jahren eine grobe Vorstellung davon, was das für uns bedeutet.

Was die Magie von Star Wars für jeden persönlich ausmacht. Wie sehr unsere Kindheit, unsere Nostalgie, unser Interesse für dieses Universum, - unsere individuelle Erfahrung - Star Wars für jeden einzelnen etwas anders definiert.
Ich persönlich war noch nie so durcheinander nach einem Screening. Noch nie ist meine Erwartungshaltung von einem Film mit dem Endergebnis so sehr kollidiert.

Prinzipiell wird der Faktor “Erwartungshaltung” doch überbewertet. Landet ein Film hinter den eigenen Erwartungen, genügt er eben auch dem eigenen Anspruch nicht - egal ob es die Inszenierung oder die Story ist. Übertrifft ein Film die eigene Erwartung, ist das umso besser.

Ganz anders verhält es sich eben mit The Last Jedi. Hier geht es nicht um den filmischen Anspruch, sondern um den an ein ganzes Universum.

Bewiesen haben das sogar ausgerechnet die umstrittenen Prequels: inszenatorisch teilweise katastrophal und inszenatorisch teilweise genial - aber so oder so einfach mehr von einer Welt, in die man eintauchen möchte. Man ist strapazierfähig und am Ende vielleicht sogar noch dankbar dafür.

DAS UNERWARTETE
The Last Jedi macht das von Anfang an anders - wortwörtlich anders. Lukes Reaktion auf Rey steht symbolisch für alles, was Autor und Regisseur Rian Johnson mit dem Film und seinen Figuren macht. Es ist komplett unerwartet, geradezu unvorhersehbar, entmystifiziert das eigentliche Ende und die emotionale Tragweite von dem Film davor, streut sogar noch einen Witz ein - und ist damit all das, wofür man diesen Film hassen sollte, aber eben auch all das, wofür man ihn lieben kann.

Johnson schlägt hier von Anfang an eine komplett andere Marschrichtung ein, als man es erwartet hätte - als man es vielleicht sogar gewollt hätte. Die Pointe ist aber kein billiger Witz auf Kosten seiner Figur, sondern stellvertretend für die Charakterentwicklung, die Luke seit seinem Bruch mit Kylo Ren genommen hat. Johnson dachte sich etwas dabei, auch wenn das bedeutet, dass er viele Fans und ihre Vorstellung von Luke damit komplett vor den Kopf stößt.

Und zu diesen Fans gehört auch Mark Hamill selbst. Er las das Skript und sagte offen zu Johnson, dass er mit jeder einzelnen von dessen Entscheidungen für Luke nicht einverstanden sei.

DER ANDERE LUKE
Das ist die Krux an The Last Jedi: Johnson traf Entscheidungen, die vielen Fans sauer aufstoßen, seiner Hauptfigur sauer aufstoßen und noch nicht einmal ihm selbst leicht fallen.

Und das ist wiederum sein Trumpf: Johnson tat das, weil es für seine Geschichte das Beste ist. Es spiegelt das Dilemma wider, in dem sich einst Michael Arndt befand: Der Oscar-Preisträger war der unrühmliche erste und alleinige Drehbuchautor von The Force Awakens und scheiterte an zwei Dingen.

Erstens am umfangreichen, aber auch völlig überladenen und widersprüchlichen Expanded Universe. Eine neue Geschichte mit den alten Charakteren konnte so nicht darin stattfinden. In der Folge übernahmen für ihn Regisseur J.J. Abrams und Star Wars-Veteran Lawrence Kasdan. Sie verwarfen das alte Expanded Universe und fingen von vorne an.

Der zweite Grund für Arndts Scheitern ist Luke Skywalker. Arndt verzweifelte an der Legende Skywalker. Wann immer dieser den Raum betrat, stahl er allen anderen die Show. Skywalker war eine Figur, die nicht mehr zu entwickeln war und der Entwicklung der anderen Figuren im Weg stand.

Johnson macht aus dieser Legende eine gescheiterte Legende. Eine Legende, die erst zu ihrer eigenen Katharsis finden muss, um wieder andere inspirieren zu können.

Und das bereitet Johnson sorgfältig vor. Jedes Wort, jede Tat, spielt später wieder eine Rolle. Nichts geschieht zufällig. Alles wird vorbereitet.

STRUKTURELLES UNGLEICHGEWICHT
In dem was Johnson erzählt und wie er es erzählt, handelt er fundamental anders als die Filme vor ihm. Abrams und Kasdan strickten in kürzester Zeit einen Film zusammen, der strukturell und inszenatorisch schon zu sehr an die größeren Vorbilder angelehnt ist und reicherten es an mit frischen Charakteren und - typisch Abrams - mehr Mystery, als sie vielleicht jemals hätten auflösen können.

George Lucas hatte gegen Ende am liebsten sich selbst zitiert, dafür aber auch wenigstens eine komplett neue Geschichte erzählt, wenn auch überraschungsarm und offensichtlich ohne die eigenen Filme genau genug gesehen zu haben.

Rian Johnson geht seinen eigenen Weg - auch wieder im Guten, wie im Schlechten. Im Guten, weil die Gesamtstruktur des Filmes so anders und damit so unvorhersehbar anders ist, als in sämtlichen Inkarnationen davor. Im Schlechten, weil die Struktur im bisher längsten Star Wars-Film mitunter auch die zäheste ist.

Inszenatorisch erschafft Johnson Momente, die zum Besten gehören, was Star Wars zu bieten hat - die das Publikum den Atem anhalten lassen, die nicht nur schön anzusehen sind, sondern einen lange vorbereiteten Klimax in unvergessliche Bilder packen. Momente für die Ewigkeit.

Inszenatorisch erschafft Johnson aber auch Momente, die einen die Augen verdrehen lassen. Momente, die andere schon besser lösten. Momente, die trotz aller Herleitung und Aussage, so deplatziert wirken, dass sie einen aus dem Film reißen können.

Gerade weil dieses Unvorhersehbare so nicht zu Star Wars gehörte und genau deswegen so unvorhersehbar ist. Bis jetzt, denn Johnson macht es zu Star Wars und das ist auch ein Problem.

KUNST UND KÜNSTLER
Ein Problem, das aber schneller als man denkt gar keines mehr ist, hat man sich erst einmal an diese neue Erzählweise gewöhnt. Selten hatte ein Film beim zweiten Mal mehr zu gewinnen, als The Last Jedi.

Das liegt aber nicht nur an der dann leichteren Verdaulichkeit beim zweiten Anlauf, sondern an der Intelligenz des Filmes. Er hat seine schwierigen Passagen, aber nochmal: Nichts geschieht zufällig. Alles hat einen Grund.

Man nehme nur den Ausflug nach Canto Bight. Er entschleunigt den Film, bringt seine Figuren nicht wirklich weiter, hätte dramaturgisch komplett umschifft und/oder anders aufgelöst werden können. Er verschwendet sogar Benicio Del Toro.

Andererseits ist der Ausflug essentiell für die eigentliche Aussage des Filmes. Sein Ende funktioniert nur wegen diesem Ausflug. Als Johnson den 3-Stunden-Rohschnitt auf 2½ Stunden straffte, konnte er unmöglich auf diesen Ausflug verzichten.

Um die Tragweite des galaktischen Konflikts zu transportieren hat einst Lucas selbst bei seinen eigenen Filmen nachträglich noch Hand angelegt und sie um genau so etwas erweitert.

Johnson muss sich aber den Vorwurf gefallen lassen, zugunsten seiner künstlerischen Intention die künstlerische Umsetzung zu sehr zu vernachlässigen. Aber am Ende steht nunmal auch ein eigenständiges Kunstwerk. Es wird nur wie jedes Kunstwerk nicht jeden ansprechen.
Das ist einer der größten Unterschiede von Johnsons Star Wars zum bisherigen Star Wars: die durch und durch künstlerische Absicht.

Dieser Film soll nicht “nur” unterhalten. Er soll zum Nachdenken anregen. The Last Jedi ist vollgestopft mit Subtext und Anspielungen, die erst sehr viel später an Bedeutung gewinnen und er spricht den Zuschauer auf andere Weise über die Metaebene an, als man es bisher getan hat.

Beispielsweise ist eines der Hauptprobleme von Abrams Episode 7, dass er zu selbstreferentiell ist. Witze und Augenblicke, die nur funktionieren, weil sie schon einmal funktioniert haben und weil der Film weiß, dass der Zuschauer sie kennt. Das ist zu konstruiert - nicht nur in Episode 7.

Einer der berühmtesten Sätze der gesamten Filmreihe, ist zu reinem Selbstzweck verkommen. Und es zeichnet The Last Jedi aus, dass er als einziger Film des Franchises auf diesen Satz verzichtet - auch wenn ihn BB-8 piepst. Es ist für den Zuschauer nicht zu verstehen und doch da. Das ist bezeichnend für den Film.

The Last Jedi ist genauso bezeichnend der einzige Film der Saga, der sich direkt auf seinen Filmtitel bezieht und sich nicht hinter einer austauschbaren Phrase versteckt.

FANS UND FANS
Episode 8 verkennt seine eigenen Wurzeln und findet gleichzeitig zu ihnen zurück. Wie zu erwarten zitiert Johnson immer wieder seine Vorbilder, kommt im Endeffekt aber immer wieder zu einem anderen Schluss. Er erzählt eben nicht wieder das Gleiche, auch wenn er sich beim Gleichen bedient.

Er verneigt sich sich sogar vor einem seiner größten Vorbilder: George Lucas. Das ist der chronologisch erste Film seit den Prequels, der den Imperator bei seinem gewählten Namen nennt: Darth Sidious - ausgerechnet durch Luke Skywalker, der ihn so nicht kennengelernt hat, sondern das erst später aufgearbeitet haben muss.

Rian Johnson bringt zwar mit diesem Film viele Fans gegen sich auf, aber damit ausgerechnet gegen einen der größten Star Wars-Fans überhaupt. Er lernte noch auf der USC School of Cinematic Arts, einzig und alleine deswegen, weil George Lucas auch dahinging.

Lucas rekrutierte danach seinen eigenen Lehrer als Regisseur: Irvin Kershner drehte für ihn Das Imperium schlägt zurück. Einen größeren Star-Wars-Fan als Johnson gibt es wahrscheinlich nicht unter dieser Sonne.

Johnson ist aber eben auch ein Autorenfilmer durch und durch. Er schreibt komplett alleine was er dreht - außer seine Breaking Bad-Folgen natürlich. Die verantwortet ja ein Autorenteam.

Jetzt verantwortet Johnson eine komplett neue Trilogie - losgelöst von den Fesseln, die ihm ein Vorgängerfilm vielleicht noch auferlegt hat, auch wenn die Absprachen zwischen ihm und Abrams offensichtlich sind - zu sehr haben beide ihre Drehbücher aufeinander abgestimmt. Abrams änderte das Ende seines Filmes. Johnson baute nach Absprache andere Figuren in seinem weiter aus.

Dabei sprach er sich auch mit den berühmt-berüchtigten Kanonwächtern bei Lucasfilm ab: der Story Group. Das schlägt sich nieder im Background seiner Nebenfiguren Vice Admiral Holdo und Captain Phasma. Beide folgen bereits der alten Star Wars-Tradition und haben ihre Auftritte im neuen Expanded Universe und wie gehabt, kommen potentiell faszinierende Nebenfiguren im eigentlichen Film zu kurz. Figurenausbau wird in Star Wars genauso traditionell ausgelagert und bleibt weiterhin optional.

Rian Johnson sprach sich auch offensichtlich mit seinem Kollegen Gareth Edwards ab: Dessen Rogue One gibt sich ergänzend zur 8. Episode.

VORBILDER
In einer Paradedisziplin von George Lucas ahmt ihn Rian Johnson auf seine Weise sogar nach: Im Zitieren größerer Werke, um in der Kombination ein eigenes zu erschaffen. Lucas bediente sich ausgiebig bei anderen. Er nahm die 2.-Weltkriegsästhetik und kombinierte das mit der Dramaturgie von Akira Kurosawas Die verborgene Festung.

Johnson zitiert im Umkehrschluss andere Filme zum zweiten Weltkrieg, um eigene Bilder zu erschaffen, anstatt wieder nur zu kopieren. Und er verwendet einen der revolutionärsten dramaturgischen Kniffe der Filmgeschichte aus einem anderen Meisterwerk von Kurosawa: die Schilderung ein und desselben Vorfalls aus mehreren Perspektiven in Rashomon.

Er konterkariert sogar eines der Symbole des Franchises: Hände und Körperteile und wer sie wann und wo verliert. Das gehört nicht nur seit je her dazu, es bezeichnet die Macht- und Verwandtschaftsverhältnisse. Man achte nur einmal ganz, GANZ genau darauf, an welcher Stelle Johnson mit diesem Motiv spielt und wieso.

Überhaupt ist die Art wie er die Mysterien der neuen Trilogie auflöst oder nicht auflöst, sinnbildlich für seine Aussage. Johnson hält uns wieder den Spiegel vor und hinterfragt unsere Erwartungshaltung an Star Wars. Denn worum geht es wirklich? Was macht den Sternenkrieg wirklich aus? Sind es seine Geheimnisse oder sind es doch seine Figuren?

Man kann behaupten, dass Johnson hier so einiges mit Füßen tritt, gerade weil seine Überzeugung nicht mit der eigenen übereinstimmen muss. Man kann aber auch behaupten, dass er eine gesamte Saga auf das Wesentliche reduziert - dass er die ureigene Magie von Star Wars einfängt.

Eine Magie, die alle neueren Filme nicht immer erreichen, weil sie zu sehr in ihrem Korsett gefangen bleiben. Die Magie, die ausgerechnet die Werbeindustrie immer wieder anzuzapfen vermag, weil sie kreativ sein muss.

EINE FRAGE DES HUMORS
Was Johnson streitbar zu viel anzapft ist der Humor - genauer seine Art von Comic Relief und vor allem wann er den Bogen überspannt. Immer dann, wenn der Witz auf Kosten der First Order geht, entmystifiziert er gleichzeitig die Bedrohung. Das ist durchaus zu viel, wurde aber auch schon schlechter gemacht.

Immerhin offenbart Johnson ein gewisses Gefühl für das optimale Timing, damit der Spaß als Spaß zündet. Nur das Wann und Wie oft ist diskutabel. Faktisch falsch dagegen ist der Vorwurf, es sei typischer “Disney-Humor” - vergleichbar mit Marvel.

Alleine schon die Marvel-Filme an sich haben ein völlig unterschiedliches Gespür dafür, je nachdem wer welchen Film gedreht hat. Der wieder sehr selbstreferentielle Popkultur-Humor von James Gunn ist mit seinen sexuellen Anspielungen ganz und gar untypisch für den Mäusekonzern.

Joss Whedons Dialogwitz ist ein gänzlich anderer als der von Edgar Wright und was in einst seinem Ant-Man davon übrig geblieben ist oder was Buddy-Movie-Ikone Shane Black in Iron Man 3 treibt.

Was Star Wars immer ausgezeichnet hat, war der seinerzeit längst überholte, Beziehungs-getriebene Screwball-Komödien-Charme der 60er-Jahre - eingeführt von Lawrence Kasdan, weitergeführt in seinem Indiana Jones und wieder aufgewärmt in seinem Episode 7.

Episode 8 dagegen bedient sich ebenfalls bei den 60er-Jahren, aber bei deren Slapstick. Das ist eigentlich ein gänzlich anderer und sehr schwer zu meisternder Humor, weil eine vom Timing bestimmte Kunst. Eine Kunst, die Johnson schon in seinem Brothers Bloom geübt hat.

Eine Kunst, die ihm persönlich liegt, weil er sie liebt. Aber sie liegt verständlicherweise eben nicht jedem und sie ist garantiert keine Vorgabe von einem Konzern an seinen Schreiberling. Will man eine bestimmte Art von Humor platzieren, holt man in Hollywood einen dedizierten Gagschreiber dazu und packt ihn als weiteren Drehbuchautor drauf.

Außerdem hätte man eigentlich das komplett misslungene Gespür für Slapstick noch in derselben Filmreihe fürchten müssen, anstatt es zu forcieren. Stattdessen lies man Johnson machen. Man hat es gewagt und der gegenwärtige Backlash ist hoch.

DIE NEUE HOFFNUNG
Letztlich ist The Last Jedi das, was ein Autorenfilmer daraus machen wollte. Das und nur das. Das ist zugleich die größte Stärke, als auch die größte Schwäche eines Kunstwerks, das maßgeblich von einer einzigen Person abhängig ist.

Und damit fällt das Urteil über den Film bei einer so festgefahrenen, weil vertrauten Zuschauerschaft, eben genauso ambivalent aus. Es ist das Tarantino-Phänomen: Ein Autorenfilmer prägt einen Film so sehr nach seiner Vorstellung, dass er unmöglich jeden erreichen kann, aber eben auch nicht jeden erreichen will. Er will es nur sich selbst recht machen.

Das übergroße Vorbild von Tarantino, Lucas und Johnson - Akira Kurosawa - fasste dieses Grundproblem treffend zusammen: Ein Regisseur drehe einen Film für niemand anderen, als für sich selbst - und eben nicht für das Publikum. Wenn die Zuschauer den Film lieben, liege es daran, dass sie dieselben Überzeugungen haben wie der Regisseur - und nicht umgekehrt.

Das ist es, was auch Mark Hamill am Ende erkannte. Sein Spiel und Johnsons eigene Art das einzufangen, verleihen einer Schlüsselszene der gesamten Saga eine weitere Bedeutung.

Und man achte wieder darauf, wie Rian Johnson nicht nur zitiert, sondern wie er die Achse der Kamera wechselt, um seiner Interpretation eine eigene Bedeutung zu geben.

Es ist wie bei dem Film selbst: Manches erschließt sich erst, wenn man nicht nach vorne schaut, sondern darauf zurückblickt und es dann mit anderen Augen sieht.

[Aus meiner Video-Review: youtu.be/zK89gzasoGw]