Cannibal Holocaust

Cannibal Holocaust ★★★★

Wie "Zombie Holocaust" (Girolami 1980) wurde auch "Cannibal Holocaust", deutscher Kinotitel "Nackt und zerfleischt" für den deutschen Markt gedreht. Anders als Girolamis Film und stärker als "Lebendig gefressen" (Lenzi 1980) kritisiert Deodato in seinem Film die fragile zivilisatorische Hülle unserer demokratischen Gesellschaft. Blickt man zurück, war das vergangene Jahrzehnt von Kriegen wie dem Vietnamkrieg und einem zunehmend instabilen Nahen Osten, besonders der Ausrufung eines Gottesstaates im Iran und der sowjetischen Besetzung in Afghanistan, aber auch Bürgerkriegen in Afrika und Südamerika geprägt. Terroranschläge in Deutschland durch die RAF, in Italien durch die P2-Loge, rechtskonservative Extremisten, oft in Verbund mit der Mafia, brachten Krieg und Angst auch in die westlichen Länder. Die mediale Berichterstattung darüber erfolgte teils propagandistisch-einseitig, teils sensationslüstern, wie in Filmen wie "Apocalypse Now" (Coppola 1979) zu sehen und bot Anlass für Mediensatiren wie "Network" (Lumet 1976). "Nackt und zerfleischt" zeigt ein desillusioniertes Bild von Medienschaffenden, die auf der Suche nach einem verschollenen Drehteam, das möglicherweise Opfer von Kannibalen wurde, selbst ihr finsteres Herz entdeckt: Tiertötungen, die "barbarische", unzivilisierte Kannibalen vornehmen, werden sadistischen Tiertötungen durch die Medienmacher gegenübergestellt, rituelle Tötungen von Menschen, z. B. wegen Ehebruchs, stehen Tötungen aus Sensationslust, heuchlerisch kommentiert, gegenüber. Schon die im Vergleich breiter ausgespielten Tiersnuffszenen stimmen den Zuschauer darauf ein, dass es hier nicht um Horrorunterhaltung geht - immerhin machen sie den Zuschauer nicht zum Komplizen, indem sie ihm selbst den Spiegel vorzuhalten vorgeben, wie Oliver Stone in "Natural Born Killers" (1995), einer anderen Mediensatire, sondern stoßen ihn vor den Kopf, belästigen ihn. Diese Erzählstrategie behält der Film auch später bei: Der Zuschauer blickt nicht in sich, erkennt nicht die eigene Barbarei, sondern erkennt, wie vermeintlich zivilierte Staaten Gewalt über andere Menschen bringen und gewissenlose, nur an Sensationen interessierte Medien diese Gewalt nicht hinterfragen, sondern befeuern. - Kein Film den man sich gerne ein zweites mal ansieht, aber ein Film, der mit seiner Darstellung des Unmenschlichen zutiefst menschliche Ziele verfolgt und der den Zuschauer intellektuell herausfordert.

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