Elle ★★★★

Ist es möglich, bei "Elle" nicht hin- und hergerissen zu sein?

Die großartige Isabelle Huppert portraitiert eine Frau, die brutal vergewaltigt wird und sich irgendwann dem Katz-und-Maus-Spiel, dass ihr Vergewaltiger ihr offeriert, hingibt und sogar sexuelles Interesse an dem Mann entwickelt, der sich als Gewaltfetischist entpuppt. Was soll man davon halten? Ist das nicht eine groteske Verharmlosung eines Kapitalverbrechens, dem jeden Tag Frauen zum Opfer fallen? Ist es eine nicht eine Angelegenheit des "male gaze", wenn sowohl Filmregisseur als auch Autor der Romanvorlage Männer sind? Liegt im Ganzen nicht eine nicht von der Hand zu weisende Misogynie? Ja. Und Nein. Und ein bisschen von allem.

"Elle" spielt mit seiner eigenen Ambivalenz, mit seinem sich-nicht-positionieren-wollen. Das die Vergewaltigung an sich eine verabscheuungswürdige Tat ist, daran lässt Regisseur Paul Verhoeven wenig Zweifel (auch wegen einer besonders "schönen" Tagtraumsequenz). Wie sich die titelgebende Protagonistin danach verhält, ist so entgegen aller Erwartungen (und auch Dramaturgien), dass man ständig in einem Zustand zwischen Überraschung, Faszination und Kopfschütteln gehalten wird. Man kann dem Film sicherlich nicht vorwerfen, das Interesse erlahmen zu lassen.

Das Unvorhergesehene geht irgendwann so weit, dass man sich fragt, ob es des "Suspense"-Plot überhaupt bedürft hätte. Gerade der Einstieg mit der schnell zur täglichen Routine zurückkehrenden Elle, die ihren Freunden irgendwann von dem Verbrechen erzählt und diese nur ratlos in die Runde starren, ist großartig inszeniert. Danach kommen viele wunderbar gehässige und/oder groteske Szenen mit Elles Familie, die mit so einem Elan daherkommen, dass der Film sich immer etwas ausbremst, wenn es wieder darum geht, wer und wo der Vergewaltiger sein könnte (die Lenkung auf einen Verdächtigen auf Elles Arbeitsstelle ist besonders plump). Als die Identität dann bekannt wird (und sie wird es relativ schnell) vertraut "Elle" viellicht etwas zu sehr auf die Prämisse, dass Elle nach einer traumatischen Kindheitserfahrung nicht mehr mit der Polizei redet.

"Elle" ist ein schwieriger Film, weil er sich ein Stück weit vielen gängigen Rezeptionsansätzen entzieht. Huppert trägt erhaben den ganzen Film, das Enselmble ist mit Leib und Seele dabei, Verhoeven fasziniert gleichermaßen wie er abstößt. Es gibt keine einfachen Gewissheiten in diesem Film und gerade das macht ihn sehenswert. Wie mit der inhaltlichen Ebene umgegangen werden soll und kann, wäre ganzer essayistischer Bücher wert (die weiblichen Stimmen im überwiegend zustimmend-männlichen Tenor der Besprechungen sind übrigens bisher deutlich zu wenig repräsentiert).

"Elle" funktioniert als Familien-Dramedy hervorragend, als Thriller bedingt, er ist gleichermaßen großartig wie er sich spektakulär selbst torpediert. Am Ende bleibt ein Wort stehen: Sogwirkung.

Paranoyer liked this review