Europa - Ein Kontinent als Beute

Vielleicht sollte man zunächst etwas positives erwähnen: der Dokumentarfilm "Europa - Ein Kontinent als Beute" erwähnt einige Dinge, die einer Erwähnung auch bedürfen: Korruption und Steuergeldverschwendung innerhalb der Europäischen Union etwa und andere Dinge, die in der Staatengemeinschaft nicht so laufen, wie man es sich wünschen würde, beispielsweise die klaffende Schere zwischen Nord und Süd.

Das große Aber kommt aber ziemlich schnell: zur Untermauerung seiner durch und durch pessimistischen Sicht auf die EU stützt sich der Film im Grunde nur auf die Aussagen und Statements von drei Männern. Das der eine, Fabio De Masi, als Mitglied der Europa-Fraktion von DIE LINKE den ausufernden Lobbyismus anprangert, ist eine bedenkenswerte und vor allem diskussionswürdige Sache, die anderen beiden Monologsprecher sind da schon mit sehr viel mehr Vorsicht zu genießen, da sowohl der Autor Daniele Ganser als auch "Börsenguru" Dirk Müller nicht unumstritten sind und auch in diesem Film Dinge zum Besten geben, die den Denkmustern und -bildern von Verschwörungstheoretikern frappierend ähneln.

So sehr, dass man kaum noch verwundert ist, wenn eine Recherche schnell zutage fördert, dass beide diesem Sujet durchaus frönen. Der eine versucht verklausuliert, den Begriff "Lügenpresse" (den er als solchen natürlich nicht gebraucht) unter das Publikum zu bringen (und dabei von einer angeblichen Medienübermacht phantasiert, die die Öffentlichkeit auf einen Krieg mit Russland einstimmen soll), der andere bewegt sich in solch kurz gehaltenen, einfachen Bildern, die in ihrer Simplizität auch aus einer "Akte X"-Folge stammen könnten.

Dazwischen bebildern dem Zerfall anheim gegebene, megalomanische Bauten zu atonaler Musik den angeblichen Niedergang der EU. Nach eigenen Aussagen trieb die Regisseure die Sorge um den Zustand Europas an, aber sie geben sich ganz und gar dem Untergang hin. Nichts ist konstruktiv, nichts stellt die selbtsredend nicht von der Hand zu weisenden negativen Auswüchse den positiven Entwicklungen gegenüber. Es gibt keine Gegenstimmen in dem Tenor, der in letzter Konsequenz und in dem Denken, dem die Sprechenden augenscheinlich verhaftet sind, nur auf eine radikale Renationalisierung hinauslaufen kann.

Eine wahrlich furchtbare Aussage in Zeiten des erstarkenen Rechtsnationalismus, der auf Spaltung und Komplexitätsreduktion setzt anstatt auf Zusammenhalt und Ideen für ein geeintes Europa und seine Menschen. Der Film entstand vor dem "Brexit" und anderen Entwicklungen der jüngsten Zeit und man erhält den Eindruck, dass der Film das Auseinanderdriften im Grunde herbeisehnte. Die Worte der spanischen Demonstrantin über die fehlende Solidarität wirken da nur wie ein Feigenblatt.

"Europa - Ein Kontinent als Beute" ist ein vereinfachender, ein plakativer, ein ärgerlicher Film, für den es wahrscheinlich nie einen richtigen Zeitpunkt gegeben hätte. Wenn ihn je Sorge um die EU angetrieben hat, dann löste die sich schnell in der allgemeinen Untergangsstimmung auf. "Untermauert" von den teils geradezu gefährlich-naiven, erneut die Komplexität der Welt auf Parolen reduzierenden Aussagen der Interviewpartner ist dies ein Film, den die nationalen Kräfte in Brüssel und in den Landesparlamenten feiern dürften. Es ist sowieso alles furchtbar und wir müssen uns auseinanderreißen, um dann womöglich als "gestärkte" Nationalstaaten gegen den alles und jeden kontrollierenden Feind jenseits des großen Teichs antreten zu können.

Was für eine - mit Verlaub - beschissene Vision für ein Europa des 21. Jahrhunderts.