Hedi Schneider Is Stuck ★★★½

Was nach „typisch deutschen Problemkino“ klingt, entpuppt sich dank diverser stimmiger Details und dem engagierten Schauspiel der Hauptdarsteller als durchaus sehenswerte Auseinandersetzung mit einem weitestgehend tabuisierten Thema: psychische Erkrankungen.

Hedi Schneider leidet unter massiven Angststörungen. Woher sie kommen? Der Film klärt dies niemals auf, offeriert einen Möglichkeitencocktail aus Arbeitsstress, emotionaler Belastung und persönlicher Disposition, zeigt die Angst also als etwas, dass man sich einfangen kann wie eine hartnäckige Erkältung, bei der im Nachhinein auch nur über die konkrete Herkunft spekuliert werden kann. Das mag etwas verkürzt dargestellt sein, unterfüttert aber das Anliegen des Films, die Psyche als Teil des Gesundheitssystems zu sehen, der ebenso erkranken kann wie Lunge oder Nieren.

So ist die beste Szene auch eine besonders entlarvende: Hedis Mann lügt sein Gegenüber über den Gesundheitszustand seiner Frau an – in seiner öffentlichen Version hat sie Krebs. Nicht nur, dass sich die meisten Menschen darunter wahrscheinlich mehr vorstellen können, es umschifft auch das Stigmata, dass mit psychischen Erkrankungen immer noch einhergeht. So erscheint Hedi in den Augen des Gegenübers nicht als „verrückt“. Dies ist gleichermaßen wenig schmeichelhaft für Uli, Hedis Mann, noch für eine Gesellschaft, die eine strenge Trennlinie zwischen Körper und Geist zieht. Die Erkrankung des einen ist unschön und ruft Verständnis hervor, die des anderen ruft Dünkel ab. Man muss nur an die öffentliche Debatte über Depressionen vor einiger Zeit zurückdenken, um dies bestätigt zu bekommen.

Nicht alles funktioniert in „Hedi Schneider steckt fest“. Uli ist mitunter zu wankelmütig, der Sohn der Familie irritiert manchmal etwas zu sehr und wird dramaturgisch zwischenzeitlich schlicht vergessen, außer der oben genannten Szene gibt es erstaunlich wenige Auseinandersetzungen mit Hedis Umfeld. Der Weg bis zum ruhigen Finale in Norwegen ist filmisch dann vielleicht doch etwas zu glatt geworden. Immerhin wird die Erkrankung nicht als einmalige Sache geschildert, sondern als etwas, dass in verschiedenen Ausprägungen immer wieder auftauchen kann und verhindert so den Anschein einer Episode, die nur für den Film existiert. „Hedi Schneider steckt fest“ ist nicht der überragende Film, dem man sich bei seinem Sujet (und dem tollen Poster) gewünscht hätte, aber er zeigt eindeutig in die richtige Richtung.

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