Hell or High Water ★★★★

This review may contain spoilers. I can handle the truth.

This review may contain spoilers.

"Hell or High Water" ist ein Endzeitfilm. Das mag verwundern, wird er in der Rezeption doch meist als Neo-Western gesehen, aber er ist zu gleichen Teilen auch ein Film, der vom Ende kündet. Es bedarf eben nicht immer eines Asteroiden, einer Alieninvasion oder dergleichen.

Die Welt, in der sich die beiden Brüder Tanner und Toby bewegen und in der sie mit dem verzweifelten Mittel des bewaffneten Raubes versuchen, die Familienfarm vor dem Verkauf durch die örtliche Bank zu bewahren, ist ein Texas, in dem die Menschen (und mit ihnen wohl auch die Zivilisation) langsam dahinsiechen. Wenn die beiden Protagonisten am Morgen die Bankfilialen überfallen, dann sind die Straßen nicht nur aufgrund der frühen Stunde menschenleer. Hier gibt es nichts mehr zu tun, nichts mehr zu arbeiten, nichts mehr zum existieren. Die Atmosphäre ähnelt dem ersten "Mad Max"-Film auf bemerkenswerte Weise. Alles zerbricht langsam und die Verlierer der umfassenden Veränderungen, mag es nun der Kapitalmarkt, die Immobilienbranche, die Globalisierung der Märkte oder die Energiewirtschaft sein, versuchen mit letzten Mitteln, ihre Existenzen und Familien zu retten. Ein Cowboy, der mit seiner Herde vor einem herannahenden Feuer flieht, bringt es auf den Punkt: "Und ich wundere mich, dass meine Kinder diesen Job nicht mehr machen wollen."

Es ist ein Tod auf Raten. Am Ende stehen Maschinen auf dem Land, die Öl aus der Erde fördern. Für den Moment hat Familie Howard ausgesorgt, doch was wird kommen, wenn das Öl versiegt, wenn die Welt sich endgültig von fossilen Energieträgern verabschiedet? Wird das bis dahin angehäufte Geld für alles und jeden reichen oder werden zukünftige Howards wieder vor dem gleichen Problem stehen wie Toby und sein impulsiver Bruder? Bei allem Augenzwinkern, dass "Hell or High Water" vor allem in der Schilderung des abschließenden Bankbetrugs demonstriert, liegt eine bleiernde Melancholie über allem. Der Neuanfang ist hier eigentlich nur eine Wiederholung der Fehler von gestern.

So ist es nur konsequent, wenn der Polizist Alberto, halb amerikanischer Ureinwohner, der die vielen rassistischen, als "nicht so schlimm" deklassierten "Witze" es alternden Sherriffs stoisch, aber nicht unbewegt, erträgt, beim finalen Schusswechsel sein Leben verliert. Der Ureinwohner stirbt, während Weiße um ihn herum um Land kämpfen, dass deren Vorfahren sich aneigneten und nun fortwährend ausbeuten.

Oft werden moderne Western als Abgesang auf das Genre gesehen, dass eigentlich schon länger nicht mehr den Raum einnimmt, den es einst innehatte. Bei "Hell or High Water" passt diese Zuschreibung perfekt: ein Endzeit-Western, in dem die "final frontier" nicht mehr erobert, sondern nur noch ihrem Ende entgegen verwaltet wird. Personen wie die Howards wollen dies nicht wahrhaben, aber der Niedergang ist bereits hier. Ein kleines, melancholisches Meisterstück mit vielen Facetten.