Laurin ★★★½

"Es gibt in Deutschland keinen Nährboden für Genrefilme!"

Wann immer ein Genrefilm aus Deutschland dann den Weg ins Kino findet, hört man diesen Vorwurf. Oder ist es ein wehmütiges lamentieren? Wie auch immer, auch die Berichterstattung zur DVD-Neuveröffentlichung von "Laurin", einem deutlich an die Tradition des italiensischen Horrors á la Fulci und dem "gothic horror" angelehnten Films von Robert Sigl schlägt in diese Kerbe.

Der deutsche Genrefilm mag zwar nicht mit einer Regelmäßigkeit auftreten, wie es in anderen Ländern der Fall ist (was ja, gemessen am Fließbandcharakter vieler Produktionen gerade mit US-Provinienz, kein Nachteil sein muss), aber wenn die Ergebnisse so sehenswert sind wie dieses, lohnt sich das Warten doch (moderne Beispiele wie "Der Nachtmahr" sind dann die Ausnahme von der Regel).

"Laurin" ist ein atmosphärisch beachtlich dichtes Schauermär, dass 1901 irgendwo in Norddeutschland spielt (aber in Ungarn gedreht wurde, was mitunter zu einigen geographischen Diskrepanzen führt) und sich durch seine Schilderungen von Unterdrückungen aller Art, seien sie nun gesellschaftlich oder emotional, bemerkenswerterweise für ein Double-Feature mit Michael Hanekes "Das weiße Band" eignen würde. Die Zivilisationsbrüche des 20. Jahrhunderts werden quasi bereits im Kleinen erahnt, das Jahr 1901 ist nicht Beginn einer hoffnungsvollen Zukunft sondern trägt bereits die alles erdrückende Schwere in sich, die sich nur wenige Jahre später in zwei verheerenden Kriegen Bahn brechen sollte. Der Handlungsort Deutschland ist also explizit als solcher zu rezipieren.

Es kocht unter der Oberfläche des Films ebenso wie unter der seiner schwierigen Figuren. Andeutungen, Blicke, Gesten, Handlungen - sie alle künden vom Unheil. Der pädophile Lehrer, der seine Neigungen zu negieren und gleichzeitig den Hass auf seinen gewalttätigen und fremdgehenden Vater, den Dorfpriester (der zudem auch noch Rassist ist), im Zaum zu halten versucht und Laurin, die in fast jeder Szene entweder älter oder jünger wirkt, als sie eigentlich ist, abhängig davon, mit wem sie gerade die Szenerie teilt, sind die Figuren, um die sich die ruhig, aber bestimmt erzählte Geschichte dreht.

Dabei wechseln sich Elemente des Horrorfilms, der Groteske und des Coming-of-Age-Dramas ab und fließen ineienander, was zu manchmal regelrecht unangenehmen Szenen führt, wenn etwa die beim Dreh gerade einmal zwölfjährige Dóra Szinetár den Van Rees verkörpernden Károly Eperjes Blicke zuwirft, die "Lolita" zu Ehren gereicht hätten. Kindliche Erlebnishorizonze und die Grausamkeiten der Erwachsenenewelt bilden ein düsteres, bleierndes Konglomerat.

"Laurin" stellt seinen Symbolismus manchmal etwas zu sehr aus und die innere Spannung hat trotz gerade einmal knapp 80 Minuten Spielzeit ein paar Durchhänger, aber als Gesamtpaket ist der Film, um "epd Film" zu zitieren, auf jeden Fall "eine Wiederentdeckung wert". Ein unbequemes, stilsicheres , düster-poetisches Kleinod.