M ★★★★½

Meine Erwartung an „M“ war ein atmosphärisch dichter Thriller, von dem ich immer wieder gehört, ihn aber nie komplett gesehen hatte. Doch Regisseur Fritz Lang offeriert im Grunde etwas anderes, eher eine spleenige Komödie mit Krimielementen – und ich bin begeistert.
Gnädigerweise am Wie und nicht am Wer interessiert hält sich Lang nicht mit der Verschleierung der Mörderidentität auf, sondern konzentriert sich auf die bemerkenswert unterhaltsamen Versuche der Berliner Unterwelt, ihm habhaft zu werden. Die Sequenz, in der eine Polizeikonferenz und eine Besprechung unter Gangstern, die aufgrund der erhöhten Wachsamkeit in den Straßen nicht mehr in Ruhe ihren Geschäften nachgehen können, parallel geschnitten und irgendwann geradezu ununterscheidbar werden, ist ebenso köstlich wie der wahnwitzige Plan, den versteckten Mörder in einem Bürohaus zu finden.
Neben dem gleichermaßen spannenden wie verschroben-witzigen Hauptteils funktionieren auch die ernsten Elemente, die umgreifende Paranoia ebenso illustrieren wie sich für eine differenzierte Auseinandersetzung mit psychischen Erkrankungen einsetzen. Die beklemmend inszenierte Unterwelt-Gerichtsverhandlung ist ein weiterer Höhepunkt des Films, in dem die Taten des mit Peter Lorre hervorragend besetzten Kindermörders selbstredend nicht gutgeheißen werden, wohl aber die Frage nach der Justiziabilität gestellt wird und ob eine ärztliche Behandlung nicht die sinnigere und vor allem humanere Herangehensweise wäre. Das dies gerade im Hinblick auf Verbrechen, die Kinder involvieren, gegen alle Affekte spricht, verschweigt Lang ebenso wenig wie er den Zuschauer am Schluss mit einer allzu einfachen Konklusion konfrontiert. Vielmehr spannt sich der Bogen wieder zum eigentlichen Thema, dem Schutz der kindlichen Unschuld, deren Wert sich nicht nur in „M“ die meisten Menschen verpflichtet fühlen dürften. Nicht nur im Spielfilmnarrativ steht der Kindermörder außerhalb jeglicher Ordnung, Lang ist aber klug genug, aus dem Film keine plumpe Angelegenheit zu machen, in der eben nur der Affekt gilt.
Nimmt man nun noch die innovative, mitunter schlicht atemberaubende Kameratechnik, die involvierten Darsteller und die souveräne Regie hinzu, „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ zeigt genau auf, warum er ein Klassiker ist. An seinem Vermögen, Differenziertheit und Unterhaltungsanspruch organisch zusammenzuführen, sollten sich Filmschaffende auch heute noch viel öfters ein Beispiel nehmen.

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