Merkel Must Go ★★½

PEGIDA-Anhänger, AfD-Wähler und Konsorten behaupten immer, man dürfe ja nichts mehr sagen und niemand würde ihre Sorgen und ihre Bedenken ernst nehmen, niemand würde ihnen zuhören. Nun ist es eher so, dass man ihnen mitunter wohl etwas zu sehr zuhört und wenn die "Bedenken" sich meistens auf wohlfeilen Menschenhass hinunterbrechen lassen, dem auch mit rationalen Argumenten nicht beizukommen ist, dann kann man eigentlich von niemanden, dem seine geistige Gesundheit am Herzen liegt, verlangen, auch noch stundenlang darüber zu diskutieren.

Und die Sache mit dem "nichts mehr sagen dürfen" basiert ja ohnehin auf dem Irrglauben, man dürfe alles sagen, sei es noch so falsch und hasserfüllt und sei dann immun gegen Kritik. Meinugsfreiheit bedeutet nämlich, dass jeder jeden Blödsinn labern kann - er oder sie muss nur mit Gegenwind rechnen. Man kann nicht auf den Gehsteig koten und erwarten, dass die Menschen das auch noch gut finden.

Immerhin in diesem Dokumentarfilm müssen die Protagonisten keinen Gegenrede fürchten. 80 Minuten lang dürfen drei PEGIDA-nahestehende Menschen aus Dresden ihre Ansichten zum besten geben, ohne Einordnung, ohne Kommentar, ohne Hintergrund. So viel zum Thema, ihre exemplarischen Meinungen würden in der Öffentlichkeit kein Gehör finden.

Der Erkenntnisgewinn ist derweil marginal. Vielmehr zeigt es sich wieder einmal, dass die Komplexität der Wirklichkeit viele Menschen schlicht zu überfordern scheint. Und dass eine Konstruktion wie Staat und Volk auf manche so eine übermächtige Faszination ausübt, dass der Kopf den Affekten nicht mehr Herr werden kann.

Immerhin: gebrüllt wird in diesem Film sehr wenig und wenn, dann nicht von den drei Portraitierten. Deren Menschenverachtung äußert sich subtiler: ob nun einer sich vehement gegen Pauschlisierungen von PEGIDA-Anhängern, Sachsen, Dresdener oder was auch immer ausspricht, dann aber seinerseits alle Menschen "auf der anderen Seite" (Medienmitarbeiter, Gegendemonstransten, "Wessis", Politiker) fröhlich über einen Kamm scherrt. Oder der Unternehmer, selbst als Katholik in der DDR mit Diskrimierungserfahrungen ausgestattet (die selbstredend nicht zu einer weiterreichenden Empathie führen), seine reaktionären Vorstellungen immer wieder zum besten gibt (bei ihm dürfen nur Christen arbeiten, Muslime sind okay, wenn sie Schweinefleisch essen, Frauen sollten am besten nicht erwebstätig sein). Oder die Alleinerziehende, die theologische Probleme und Fragestellungen mit einfachsten typographischen Mitteln lösen will und in ihrem Keller Vorräte für kommende (Bürger-)Kriege hortet.

Das Ganze ist in der Mischung aus Naivität, Engstirnigkeit und Weltfremdheit grotesk und man könnet manchmal einfach abwiegeln und behaupten, dass ein paar begriffstutzige (kann dem einen Herren mal jemand das Wort "Wendeverlierer" in all seinen Facetten erklären?) und kulturfeindliche Gestalten es nicht wert sind, sich weiter Gedanken über sie zu machen, aber es sind nicht nur ein paar. Es ist eine Größe in diesem Land, die sich scheinbar immer weiter von jeglichen normalen Diskurs abkoppeln.

Besonders albern wird es dann, wenn der Unternehmer (der ohnehin in seinem ganzen Auftreten eine beispielslose passive Aggressivität an den Tag legt) behauptet, alles würde anders aussehen, wenn man nur das Volk fragen würde. Tut man: man nennt diese Veranstaltung Wahlen und dort gibt es eben keine Mehrheiten für die Positionen, die hier so ungeniert geäußert werden dürfen. Tja nun.

Ein Zeitdokument, ohne Frage. Ästhethisch und dramaturgisch reizlos bleibt zu hoffen, dass der Film nicht als kostenlose Werbung für die Positionen der Abschotter und selektiven Misanthropen missverstanden wird.