Moonlight ★★★★

Wäre "Moonlight" ein Gemälde, es wäre mit zarten Pinselstrichen auf die Leinwand gebracht worden, mit Linien, die sich verlieren und wieder finden, die andeuten und länger betrachtet werden wollen, weil in ihrer scheinbaren Simplizität mehr steckt, als man auf den ersten, oberflächlichen Blick erhaschen mag.

Die Prämisse ist denkbar simpel: ein afro-amerikanischer Junge wächst in einem von Drogen bestimmten Umfeld auf, in dem es weitestgehend an Liebe fehlt und wird von seinen Klassenkameraden drangsaliert, die ihn als "Schwuchtel" beschimpfen. Klassisches Coming-of-Age-Material aus der Ecke des Problemfilms, könnte man nun meinen. Doch Regisseur Barry Jenkins nutzt die altbekannten Klischees als Abkürzung zu dem Kern seines Film: der behutsamen, aber nichtsdestotrotz akzentuierten Sezierung von Männlichkeitsbildern.

"Moonlight" ist die Illustration des soziologischen Begriffes der "toxischen Männlichkeit", jenen Idealen und Vorstellungen, die gemeinhin als "typisch männlich" angenommen und teils vorausgesetzt werden. Ein Mann hat so und so zu sein und dies oder jenes zu tun. Wer nicht in dieses starre Bild passt, ist im mildesten Fall etwas seltsam, im schlimmsten ein Feinbild für die eigene zur Schau getragene Männlichkeit der "richtigen Männer", das im Extremfall ausgelöscht werden muss. Soweit kommt es hier nicht, aber Jenkins hat ein Auge für die vielen kleinen Details, die ein Mosaik der Verletzungen ergeben.

Protagonist Chiron ist homosexuell. Ob er es sich selbst komplett eingesteht, bleibt offen, auch wenn das Ende auf eine Akzeptanz hinweist, die lange schwelte. Sein Umfeld war da weiter: die Mutter, die es selbst durch die Drogensucht bemerkte, die Schläger, die womöglich ihre eigenen homosexuellen Neigungen nur durch Gewalt zu überdecken versuchen (der Blick von Chirons jugendlicher Nemesis im Klassenraum spricht Bände), der (vermutlich) bisexuelle Freund Kevin, der sich Chiron immer wieder annähert, auch wenn dessen Sprachlosigkeit für ihn mitunter schwer zu ertragen ist. Blicke erzählen ganze Geschichten von Begehren und Verwirrungen, von Wünschen und Ängsten.

Die Darsteller sind an dieser Stelle besonders hervorzuheben: Trevante Rhodes als der erwachsene Chiron, genannt Black, der den Wechsel vom harten, eben sich "toxisch männlich" vehaltenen Dealer zum wortkargen, unsicheren Jungen von damals so mühelos illustriert, als wären Figur und Darsteller ein und dieselbe Person. Mahershala Ali (der eindeutig zu wenig "screen time" hat), dessen Unbehagen über die Frage Chirons, was denn eine "Schwuchtel" sei, aus allen Poren trieft, der sich aber dennoch um eine faire, eben nicht toxischen Antwort bemüht. André Holland, der Chiron liebt wie es in der Welt der protzigen Autos und der Goldzähne eigentlich nicht "vorgesehen" ist.

Behutsam erzählt "Moonlight" von Dingen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten: das Männer weinen, dass sie überhaupt Gefühle jenseits von Aggressionen in verschiedensten Ausführungen haben dürfen, dass sie ihr Begehren nicht verbergen müssen und sich nicht Stereotypen beugen müssen, die auf vielerlei Art ungesund sind. Das dies bei weitem nicht überall ein Konsens ist, zeigt die Notwendigkeit von Filmen wie diesem, die auf denkbar unaufgeregte Weise dekonstruieren.

"Du warst bis heute der Einzige, der mich berührte", sagt Black an einer Stelle und weil nicht nur ausschließlich die sexuelle Berührung gemeint ist (meisterhaft in diesem Kontext ist das Schlussbild zwischen den beiden Männern) liegt in diesem Satz die ganze Tragik nicht nur Chirons Geschichte.

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