Raw ★★★½

Ach ja, das alte Lied des Erwachsenwerdens. Millionfach gesungen, muss jeder auf ganz individuelle Art die zum ihm passende Tonart mal mehr, mal weniger mühsam selbst finden, da es kein allgemeingültiges Notenbuch gibt. Kein Wunder, dass dieser Lebensabschnitt, der sich heuzutage auch gern bis weit in die 20er erstreckt, gleichzeitig spannend wie unglaublich enervierend daherkommt und damit natürlich eine perfekte Blaupause für das Geschichten erzählen liefert.

In "Raw" manifestiert sich der Hunger nach neuen Erfahrungen in der Jugend in Verbindung mit dem neuen Lebensabschnitt Studium in fleischlichen Gelüsten - hier wörtlich zu verstehen. Die junge Justine, die aus einer streng-vegetarsich lebenden Familie stammt, will wie ihre Eltern und ihre große Schwester Tierärztin werden und muss zusammen mit den anderen Neulingen der Fakultät pubertäre Initiationriten über sich ergehen lassen, eine davon ist der Verzehr einer rohen Hasenniere. Dies setzt einen Prozeß in Gang, den die Schwester fern der elterlichen Aufsicht bereits durchlaufen hat: in Justine erwacht ein Verlangen nach Fleisch, dass immer stärker wird und schließlich auch nicht vor Menschen Halt macht.

Beginnender Kannibalismus als Coming-of-Age-Metapher. So schräg, wie sich diese Prämisse liest, so gut funktioniert der Film meist, der um sie herum gesponnen wurde. "Raw" buchtstabiert seinen Symbolismus nicht unnötig aus (was auch nicht weiter nötig ist, siehe folgenden Absatz), beispielsweise lässt er sich nicht explizit darüber aus, warum Fleisch von Tieren die Gelüste offenbar nicht genügend befriedigt. Auch haben die Schwestern vor ihrer Unizeit offenbar nie rebelliert und den elterlichen Vegetarismus in Frage gestellt - oder mal einen Abstecher zum lokalen Fast Food-Restaurant unternommen, nur um zu wissen "wie es ist". Und der Vater hat immer, in all den Jahren, ein Hemd in allen Lebenslagen getragen, um das finale Filmbild nicht zu zerstören ... "Suspension of disbelief" und "plot holes" im Sinne der Metapher halten sich die Waage.

So ist "Raw" ein wunderschön fotografierter Film, der aber auch ein Stück weit ein "One Trick Pony" ist. Fleischeslust = Erwachsenwerden. Diese Gleichung genügt "Raw" so sehr, dass er trotz der generierten Spannung (bei gleichzeitig sporadisch auftretenden Tempo-Problemen) auch weitesgehend vorhersehbar ist und einige dumme Klischees bedient (Justines "animalische" Ausstrahlungskraft ist so stark, dass sie selbst den homosexuellen Mitbewohner zu einem Schäferstündchen verführt).

"Raw" ist mehr Schein als Sein, aber der Schein ist so unterhaltsam und angemessen widerlich dargereicht (esst nicht eure Haare, Kinners! Bitte nicht! Mir ist immer noch schlecht ...), dass die etwas über 90 Minuten eine interessante Melange aus Horror und Drama darstellen. Nun gut, als wäre das Erwachsenwerden nicht schon Horror genug. Ach, darum ging es? Mind. Blown.

P.S.: Fingerfood wird jetzt länger eine andere Konotation haben. Uff.

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