Tale of Tales ★★★½

Immer wenn ein Film des Weges kommt, der von sich selbst oder durch ein Gro fremder Beschreibungen als „Märchen für Erwachsene“ tituliert wird, sollte man wachsam sein. Zu oft läuft es auf etwas hinaus, dass mit Märchen im eigentlichen Sinne nicht viel zu tun hat und eher als Chiffre für Eskapismus zu lesen ist.

„Das Märchen der Märchen“ IST aber genau das – ein Märchenfilm für Erwachsene, ein Ausflug in eine schiefe Welt mit eigenen Regeln, ambivalenter Moral und einer Drastik, die für Kinder bearbeite Folklore bestenfalls nur noch als Echo erwähnt.

Die drei miteinander leidlich verwobenen Geschichten erzählen von einer Königin mit einem übersteigerten Kinderwunsch, einem König, der einen Floh zu beachtlicher Größe heranzieht und einem weiteren König mit überfunktionierender Libido. Alle Prämissen führen jeweils zu einer weiteren Storyline, am Ende steht, wenn man will, eine Moral über emotionale Integrität, die Menschen Leid ersparen könnte. Da der Film aber recht ergebnisoffen ist und sich in dieser Hinsicht den üblichen Märchen-Schemata entzieht, kann das ganze Spektakel für jeden Zuschauer etwas anderes bedeuten. Das ist ebenso unaufdringlich angenehm wie die Tatsache, dass „Das Märchen der Märchen“ eher gefühlt, erlebt werden möchte denn schnöd analysiert. Der Film fühlt sich an wie jemand, der als Erwachsener einem Kind aus einer Märchensammlung vorliest – und der Zuschauer findet sich in der Position des Kindes wieder. Die Atmosphäre nimmt einen gefangen, die karg besiedelte Welt mit Königinnen, Prinzessinnen, Riesen und Monstern, die ganz selbstverständlich existieren (es ist schlicht grandios, wie wenig die Sache mit dem Seeungeheuer hinterfragt wird und wie genau man augenscheinlich weiß, wo sich solche Kreaturen aufhalten) fasziniert auf eine schwer zu greifende, wohl aber reichhaltige Weise.

Natürlich kann man berechtigterweise einwerfen, dass die Dramaturgie gerade zum Ende strauchelt, die Geschichten nicht so recht zu wissen scheinen, wie sie eigentlich enden wollen, der Film insgesamt vielleicht etwas zu offen ist und die Verbindung aus Märchen-Topos und erwachsenem Subtext kaum mit einem anderen Spitzenreiter auf diesem Gebiet, Neil Jordans „Die Zeit der Wölfe“, mithalten kann. Doch der auch von der handwerklichen Seite mit sichtlichem Elan gestaltete „Das Märchen der Märchen“ macht solche Schwächen durch seine Fähigkeit wett, komplett in die gezeigte Welt zu entführen. Sicherlich, Eskapismus ist auch das, aber die verschrobene Faszination, die der Film ausübt in Verbindung mit einem grundlegenden Verständnis für „wirkliche“ Märchen machen ihn sehenswerter, als es das Label „Märchen für Erwachsene“ vermuten lassen würde.