The Man Who Shot Liberty Valance ★★★★½

Der "Wilde Westen" als Ort des Widerstreits zwischen sehr unterschiedlichen Charakteren ist keine eigenständige Erfindung von "Der Mann der Liberty Valance erschoss", aber die gedankliche Tiefe, mit der er diesen inneren und äußeren Zwist inszeniert gereicht hier definitiv zum Alleinstellungsmerkmal.

Drei Männer geraten aneinander: der bärbeißige Tom Doniphon (John Wayne), der aufbrausende Intellektuelle Ransom Stoddard (James Stewart) und der gewalttätige Liberty Valance (Lee Marvin). Jeder hat eine eigene Vortstellung von der Gestaltung des Landes, in dem sie leben (das das Schicksal der ursprünglichen Bewohner dieser Landstriche für keinen der Drei eine Rolle spielt kann man getrost als eigenständigen Kommentar werten). Der eine will es unterjochen, der andere es zivilisieren, der Dritte einfach "nur" nutzen.

Am Ende gewinnt der Mythos, eine verklärte Version der Realität, die im Grunde ihres Herzens nicht das Progressive verehrt sondern das Rohe, das Gewalttätige. How the West was won. Die drei Männer verlieren in ihrem Wettstreit alle. Der eine sein Leben, der andere die Liebe, der dritte ein Stück weit seine Integrität. Verbissen wird hier um Welt- und Gesellschaftsordnungen gestritten und in der Lesart des Films konnten die USA nur unter dem verklärenden Mythos zusammenfinden, egal, was er für einzelne Menschen bedeuten mag. Die große Geschichte schlägt die profane, unangenehme Realität bis zu dem Punkt, an dem eine Aufklärung nur unter größten Kraftanstrengungen möglich wäre - wenn sich denn überhaupt Personen finden lassen würden, die gewillt zuhören mögen.

"Der Mann der Liberty Valance erschoss" ist eine durch und durch melancholische Auseinandersetzung mit den Fundamenten einer jungen Nation, die bis heute im Großen und Ganzen konsequent die problematischen Aspekte der eigenen Bewusstseinswerdung ignoriert. Hervorragende Schauspieler und prägnant geschriebene Dialoge steuern ihr übriges zum Erfolg des Films bei.

Lonesome Cowboys, after all.

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