Threads ★★★★

„Threads“ wurde augenscheinlich nie in Deutschland veröffentlicht, obwohl seine Botschaft im Entstehungsjahr 1984 überall in Europa auf offene Ohren gestoßen wäre. Der von der BBC produzierte TV-Film ist unverkennbar ein Kind seiner Zeit, ein geradezu verzweifeltes Fenster in eine Welt, die sich stetig der drohenden atomaren Vernichtung gegenübersah. Der Kalte Krieg wird hier durch eine Militärinvasion des Sowjetunion im Iran und der daraus resultierenden Spannung zwischen den Großmächten innerhalb weniger Monate zu einem Heißen. Angriffe mit Atombomben treffen Europa und zerstören mit einem Schlag die dortige Zivilisation. Der Film folgt einem jungen Paar aus Sheffield, das dank eines Schäferstündchens auf einem Autorücksitz ein Kind erwartet, heiraten und die erste eigene Wohnung beziehen möchte. Während ihres Arrangements mit der neuen Situation rückt die Weltpolitik, zu Beginn nur eine Art mediales Hintergrundrauschen, unerbittlich in den Vordergrund, bis die Bomben fallen und alles anders kommt.
„Threads“ ist ein deprimierender Film, aber wie könnte er es auch nicht sein? Seine Charaktere, nicht von ungefähr einfache Menschen aus einer Arbeitermetropole, haben keine Chance gegen die Mächte, die in den USA und der UdSSR die Fäden in der Hand halten. Kein Happy-End, nirgendwo. Der Film ist getragen von seiner Unerbittlichkeit, die aber nicht ins Reißerische abdriftet. Zu deutlich ist das Anliegen, die Folgen einer atomaren Konfrontation in all ihrer Hässlichkeit zu zeigen. „Threads“ hat so natürlich auch ein didaktisches Anliegen, was man ihm aber ebenso wenig ankreiden sollte wie seinen Pessimismus. Die potenzielle Vernichtung eines Großteils der Menschheit, die den Rest, so das Endbild des Films, mit wenigen Besserungsaussichten zurücklässt, ist eben keine leichte Angelegenheit. Die unaufgeregte Wucht, mit der der Film zuschlägt, ist bemerkenswert, „Threads“ kann keinen Zuschauer kalt entlassen. Der Stil ist quasi-dokumentarisch, das Gedankenspiel wird durch einen Sprecher immer wieder nüchtern erläutert („Der Fallout wird soundso viele Menschen töten, weil soundso viele Häuser in Großbritannien nach den Bomben keine Fenster mehr haben.“). „Threads“, der im ewigen Stil der BBC inszeniert wurde (rein optisch könnte der Film auch aus dem 1970er stammen) ist kein Wohlfühlfilm für den Sonntagnachmittag oder das erste Filmdate, wohl aber ein aufwühlendes Zeitdokument, dass in seiner Kernaussage („Der Mensch ist in seinem Wahnsinn zu allem fähig.“) auch noch heute Bestand hat.

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