Tiger Girl ★★★

Die deutsche Filmkritik scheint sich auf Energie eingeschossen zu haben. Wann immer ein heimischer Film etwas demonstriert, was man langläufig mit "Tempo" assoziieren würde, wird ein neuer Heilsbringer verkündet. Sehet hier, nehmet und esset alle davon. Ungeachtet dessen, dass eine der spezifischen Eigenarten des deutschen Films womöglich gerade in der Zurücknahme, im Verhuschten und Melancholischen zu finden ist (Filme wie "Staudamm" oder "Nordstrand", jüngst auch noch der interessant-sperrige "Ferien") wirft man bei Anflügen von (generischer) Kinetik alles über Bord, was Inhalt oder Aussage angeht. "Tiger Girl" ist zwar kein monströser Reinfall wie "Victoria", weil er sich noch ein paar Gedanken macht, aber als Messias taugt auch er nicht.

Die Geschichte einer zurückhaltenden jungen Frau, die eigentlich Polizistin werden möchte, an der Aufnahmeprüfung scheitert und sich dann zur Sicherheitsfachkraft ausbilden lässt, nur um an ihr exaktes Gegenstück in Form des titelgebenden "Tiger Girl" zu geraten und in einen Machtrausch zu gelangen, eröffnet ein Panoptikum an Interpretationen.

Für einige Zeit sieht es dank der mitunter leicht entrückten Inszenierung gar so aus, als seien die beiden Hauptfiguren nur Facetten ein und derselben Person, was vielleicht plakativ, aber auch potenziell interessant hätte werden können. Doch es bleibt an der Oberfläche und das Plakative wird nicht zum Aufhänger. Natürlich interessiert sich "Tiger Girl" nicht wirklich für inneren Zwist oder auch nur für die Wirkmechanismen von Macht und Gewalt. Der Film spricht es immer wieder an, bleibt aber mit seiner dann doch recht einfachen Wandlung vom Mauerblümchen zur Gewaltfetischistin im Einfachen.

Vanilla kann den Rausch nicht kontrollieren, während man Tiger ein vages Wertesystem mit an die Hand gibt, dessen Funktionsweise ebenfalls nur theoretisiert wird. Fern ist damit auch die Einbindung der individuellen Gewalt und der in Uniform begangenen Machtausübung in einen größeren Kontext, egal ob politisch oder soziologisch. Das Frustrationspotenzial von "Tiger Girl" rührt vor allem daher, dass der Film augenscheinlich um seine Widerhaken weiß, sie aber konsequent und mit einer Art Filmhochschul-Attitüde ("Ja, ich weiß, was ich hier für ein Faß aufmache, aber ich möchte mich nicht dazu äußern. Bäh.") ignoriert. Da hilft es auch nichts, wenn der Regisseur für seinen Film gleich mal ein neues Subgenre erfindet, dass auch nur auf die Actionelemente abzielt.

Ist "Tiger Girl" sehenswert? Bedingt. Er kann Diskussionen auslösen, und sei es nur aufgrund seiner sprunghaften Machart, die immer wieder zwischen Mumblecore-Realität und (Alp-)Traumhafter Zwischenphase oszilliert. Er lässt das scharfe, sezierende Skalpell vermissen, das der Film eigentlich benötigt hätte, kann aber immerhin durch seine engagierten Darstellerinnen punkten. Und letztlich will man ihm eine gewisse Sogwirkung nicht absprechen, auch wenn die Gewalt mitunter etwas zu ästhethisiert daherkommt.

Wer weiß, vielleicht wollte Jakob Lass vielleicht auch nur das Fäuste-Pendant zur geistigen (und "typisch deutschen") Gewalt in der hervorragenden Satire "Muxmäuschenstill" drehen.