Wild ★★

Im deutschen Film scheint allgemein wenig die Sonne. Als wollten alle dem Verdacht zuvorkommen, sich Til Schweigers Sommerlook von „Keinohrhasen“ aneignen zu wollen (eine verständliche Panik, denn wer will schon in Schweigers Dunstkreis geraten), hüllt sich auch „Wild“, die dritte Spielfilmregiearbeit von Nicolette Krebitz in dermaßen gedeckte Farben, dass man den Eindruck gewinnen könnte, Deutschland läge unter einer immerwährenden Dunstglocke der Melancholie. Natürlich ist dieses Farbschema nur dazu da, um im Finale aufzubrechen, wenn die Protagonistin mit der Zivilisation bricht und sich in eine reichlich ungewisse Zukunft begibt, aber das nur am Rande.

Denn es sind nicht die Farben, die „Wild“ plagen, es ist ein Drehbuch, für dass Krebitz eigentlich von der finnischen Schriftstellerin Johanna Sinisalo verklagt gehört. Denn ihre Geschichte einer inkompetenten jungen Frau, die ihre Gefühle für einen Wolf entdeckt, den sie in ihrer Wohnung versteckt hält, ist im Grunde ein streckenweise ziemlich dreistes Plagiat des Romans „Troll – Eine Liebesgeschichte“ aus dem Jahr 2000. Natürlich ist es immer möglich, dass zwei Menschen auf ähnliche Geschichten kommen und zwei so unterschiedliche, noch dazu offiziell nicht verbandelte Medienerscheinungen miteinander zu vergleichen ist womöglich unfair, aber Begebenheiten, Figuren und Situationen sind teilweise so nah beieinander, dass es schwer fällt, nach dem Roman Krebitz' hochgelobten Film noch als eigenständiges Werk zu sehen. Zumal er, in letzter Konsequenz, auch bei einem möglichen bewussten Plagiat die Vorlage nicht durchdrungen hat. Während Sinisalo menschliche Machtgefälle und Beziehungen seziert und den Menschen in Relation zu anderen Tieren verhandelt (der Troll ist in jener Welt ein reelles, aber kaum erforschtes Lebewesen, dass mehr Rätsel aufgibt, als bisher beantwortet wurden), kratzt Krebitz an der Oberfläche und bleibt am Ende recht platt, weil sie flüchtige „unbequeme Sequenzen“ mit echtem Diskurs verwechselt. Weder wird der Wolf zu einer autonomen Figur, noch interessiert sich „Wild“ für die Beziehung zwischen Mensch und Tier. Das mag paradox klingen, baut doch der gesamte Film auf dieser Prämisse auf, aber was es in dem gezeigten Kontext heißen würde, den Wolf aus seinem erzählerischen Korsett zu befreien, davor schreckt der Film – auch aus guten Gründen – zurück. Sinisalo war so klug, sich nicht an einem Wesen aus unserer Realität zu versuchen, Krebitz manövriert sich mit der Wahl der Spezies auch ein Stück weit ins Abseits. Der Wolf ist in der Welt, was er dort soll – er weiß es selbst nicht. Als müßige Projektionsfläche für Zivilisationsmüde Westler zu dienen, das hat er auf jeden Fall nicht verdient.

So dient das Tier nur als Katalysator für das persönliche Erwachen einer farblosen Frau, die sich durch eine Wolfszunge befriedigen lässt und ihrem halbseidenen Chef auf den Schreibtisch kackt. Dabei beutet sie ausgebeutete asiatische Arbeiterinnen noch etwas mehr aus, nimmt an einer Szene mit zwei türkischen Hausmeistern teil, die in ihrer plumpen Blödheit auch als Aufhänger für einen Porno hätte dienen können und flüchtet sich schlussendlich „fern der Zivilisation“ in eine Landschaft aus „Tagebau heute“. Das Ganze ist dann so einfach gestrickt, so wenig hinterfragend, so wenig subversiv (auch wenn der Film sich selbst ständig für den König der Subversiven hält), dass er nur Leere hinterlässt. Handwerklich gelungen (vor allem beweist Kameramann Reinhold Vorschneider ein Gespür für Kompositionen) und immer wieder aufblitzende Ideen können da auch nicht mehr viel ausrichten.

„Wild“ mag eine ungezähmte Eigenschaft im Titel tragen, gerecht wird er ihr aber nur in den wenigsten Momenten. Und dann ist eben dieses Echo von Johanna Sinisalo, die die Prämisse durch ihre klugen dramaturgischen Entscheidungen und ihren involvierenden Stil zu einer faszinierenden Lektüre machte. Nicolette Krebitz gelingt es nicht, dies auf die Leinwand zu bringen – egal, ob sie den Roman nun kannte oder nicht.

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