Earwig and the Witch ½

Diese Review in schöner auf Movie Space

Die Rückkehr des legendären Animationshauses Studio Ghibli stand im Vorfeld nicht auf den besten Füßen. Mit Aya und die Hexe sollte nicht nur zum erst zweiten Mal in der Studio-Geschichte ein TV-Film ohne Kino-Release veröffentlicht werden, sondern auf dem Regiestuhl sollte Hayao Miyazakis Sohn selbst sitzen.

Goro Miyazaki machte sich 2006 mit seinem Regie-Debüt Die Chroniken von Erdsee alles andere als einen guten Namen: Viele empfanden die Fantasy-Geschichte als akzeptablen Film, der aber nicht im Ansatz an die Klasse der beiden Studiogründer Hayao und Isao Takahata reichen konnte (wenngleich Erdsee aus meiner Sicht noch immer underrated ist). Selbst Goros Vater selbst hatte alles andere als lobende Worte für das erste Werk seines Films. Nicht wenige Menschen empfanden Goros erste eigene Werke zudem als zu identitätslos – er würde mehr versuchen, einen weiteren Hayao-Miyazaki-Film zu erschaffen anstelle eines eigenen Werkes mit eigenen Alleinstellungsmerkmalen.

Goros selbst auferlegte Aufgabe schien es nun zu sein, seine eigene filmische Identität zu sein. Nach dem soliden Der Mohnblumenberg, der aber zwar weniger Hayao, dafür aber zu viel Isao Takahata zu sein schien, versuchte er, einen ganz neuen Weg zu gehen: Er wählte bei seiner TV-Serienverfilmung Ronja und die Räubertochter einen technisch völlig neuen Weg, der den Weg zu dem hier besprochenen Aya und die Hexe legen sollten. Statt auf hyper-expressive, detaillierte Zeichnungen zu setzen, wählte er eine technische Umsetzung seines Films, die primär am Computer entstand – ein Weg, den das Studio als eine der wenigen Produktionsfirmen dieser Art, bisher immer scheute.

So sehr die klar an Kinder gerichtete Serie auch unter dem Radar klassischer Ghibli-Anhänger lief, so schien es doch, als hätte Goro Gefallen daran gefunden. Sein nächstes Projekt war da: Mit Aya und die Hexe sollte er diesen 3D-Stil in einem TV-Spielfilm umsetzen, der offiziell mit dem Namen des Studios seines Vaters markiert war. So wurde Aya und die Hexe im Gegensatz zu seiner TV-Serie als “der neue Ghibli-Film” beworben. Es sollte das erste Mal sein, dass diejenigen, die noch nichts von seiner Ronja und die Räubertochter-Verfilmung gehört hatten, mit diesem CGI-Look konfrontiert werden. Das Ergebnis: Den ersten Screens und gerade dem ersten Trailer wurde mit heftiger Kritik begegnet.

Aus meiner Sicht: zurecht. So sehr Goros Versuch, seinen eigenen Weg zu finden, auch zu respektieren ist, wirkt es nahezu pervers, Ghiblis charakteristische gezeichnete Ästhetik auf diese Weise verloren zu sehen. Die liebevolle Seele wurde mit Plastikpuppen vertauscht, eindrucksvolle, üppige Welten mit leblosen, leer wirkenden Kulissen und die gefühlsbetonten Figuren mit billigen Puppen, denen jede menschliche Emotion verwehrt wird. Optisch ist der Film wie im Trailer schon angemutet nicht mehr als ein Graus. Ein eigener Weg: Schön und gut. Aber wenn dieser Weg bedeutet, aus liebevollem Zeichentrick leblose Synthetik zu machen, dann ist das bedauernswert.

Wo Goro technisch aus meiner Sicht auf ganzer Linie scheitert, ist es aber die Narrative, die das wahre Trauerspiel aufzeigt, das Aya und die Hexe geworden ist. Die hauchdünne, völlig ereignis- und anspruchslose Geschichte – eine Adaption eines gleichnamigen Romans der Das wandelnde Schloss-Autorin – entzieht sich jeglicher Spannung, plätschert vor sich hin und könnte möglicherweise immerhin für Kinder als digitales Schlafmittel herhalten. Da wird es nicht besser, dass die Parallelen zu Hayao Miyazakis Kikis Lieferservice kaum zu übersehen sind – von frühreifen Hexen bis zu sprechenden schwarzen Katzen – was weniger wie sinnvolle Hommagen sondern mehr konträr zu Goros eigentlichem Versuch steht, endlich etwas eigenes zu erschaffen. Wo er sich visuell von seinen Schattenspendern abhebt (aber scheitert) bleibt er narrativ in ebendiesen Schatten stehen und scheitert dadurch ebenso.

Ich möchte es nochmal betonen. Die Geschichte von Aya und die Hexe ist kaum existent. Sie ist so flach, dass das Wattenmeer wie eine unmöglich zu besteigende Gebirgskette anmutet. Eine fehlende Handlung ist im Normalfall wettzumachen mit detailliertem World Building oder vielschichtigen, liebenswerten Charakteren. Aber auch davon ist meilenweit nichts zu sehen. Selbst die Dialoge sind grausig hölzern und belanglos geschrieben. Gähnende Langeweile, die auch durch die extrem unpassende Musik nicht geschmälert wird oder dadurch, dass nahezu der gesamte Film – wohl aus Kostengründen? – in einem einzigen Haus in wenigen Zimmern spielt. Nicht mal verschiedene Set Pieces sind zu bewundern – wobei das bei den erwähnten hässlich leblosen Kulissen wohl sowieso kein großer Verlust sein mag.

Aya und die Hexe ist ein Desaster auf ganzer Linie, sodass Die Chroniken von Erdsee plötzlich wie ein Meisterwerk wirkt. Nichts stimmt hier. Der Wechsel von Zeichentrick zu 3D-Computer-Animation ist gescheitert und hinterlässt einen ekelerregenden Plastik-Botox-Look, der höchstens in das kontemporäre KIKA-Nachmittagsprogramm passen würde. Eine Handlung ist kaum vorhanden und macht Platz für eine belanglose Aneinanderreihung einschläfernder Szenen, die bevölkert sind mit traurig flachen Charakteren und misslicher musikalischer Untermalung. Ayas Suche nach der Welt der Zauberei, von der Goro Miyazaki erzählen möchte, ist äquivalent dazu, wie man selbst verzweifelt nach der Ghibli-Magie sucht, die man sich wünscht, aber so schmerzlich vermisst. Der einzige Unterschied: Aya wird fündig, wir nicht.