Pastoral: To Die in the Country ★★★★

#Japanuary 2020 Nr. 30

In Pastoral: To Die in the Country/田園に死す (Den-en ni shisu) versucht ein namenloser 15-jähriger Junge dem Landleben zu entkommen. Er will die Streitereien mit seiner Mutter hinter sich lassen und endlich die Freuden des Lebens (Sex, duh!) kennenlernen. Wem Edward Yangs A Brighter Summer Day zu brav und zu lang war, der kommt hier voll auf seine Kosten.

Um es deutlich zu sagen: Das hier ist japanisches Arthouse-Kino par pxcellence: Gregorianische Chöre singen, während die blutrote Sonne am Horizont untergeht. Viele Szenen ergeben wenig Sinn und wirken verschroben, undeutlich und kryptisch. Genialerweise dienen sie dadurch als Vignetten für die wirklich wichtigen Momente des Films, was ihnen eine enorme Plausibilität verleiht. Das klingt stark nach Filmen von Alejandro Jodorowsky. Besonders, weil nach ca. 45 Minuten eine autobiografische Komponente in den Film eindringt (The Dance of Reality), die ich aus spoilergründen nicht weiter erläutern möchte.

Shūji Terayamas Filme sind eine Retrospektive auf seine Jugend, sie reinterpretieren seine Vergangenheit durch die Gegenwart, durch die seine Figuren schreiten müssen. Terayama versucht die Vergangenheit filmisch zu verändern. Wir sehen unsere Kindheit heute, mit anderen Augen als damals. Damit machen wir sie unterbewusst zu einer Fiktion. Eine Fiktion, die wir in unserer (Nach-)Erzählung beliebig verändern können.

Visuell haut Pastoral unglaublich auf den Putz. Shuji Terayama, der große Avantgardist Japans, nutzt am liebsten Wide-Shots, um so viele Informationen wie möglich zu übermitteln. Oder einfach, um Figuren ins Bild springen zu lassen.Seltsame Requisiten säumen die meisten Szenen, wie etwa Windräder oder ein gigantischer Hammer, der im Haus des Jungen sein Leben zu erschlagen droht. Darüberhinaus nutzt Terayama Farben, um Gegenwart und Vergangenheit miteinander zu verbinden. Besonders Grüntöne und Regenbogenfarben haben es dem japanischen Surrealisten angetan. Sie dienen dazu, um schnell zwischen Träumen und der Realität zu wechseln. Dadurch kann er non-linear erzählen und diese Coming-Of-Age-Geschichte mit der Vorstellungskraft des Jungen füllen.

Zentrales Motiv ist die Zeit. Im ganzen Film dominieren Uhren das Bild. Sie ticken, schlagen und symbolisieren die Vergänglichkeit des Lebens. Der Zeit kann man nicht entkommen. Die Figuren wollen in Pastoral die Zeit kontrollieren. Zum Beispiel möchte der Junge die Zeit beschleunigen, um erwachsen zu werden. Seine Mutter will sie stoppen, damit er ihr kleiner Junge bleiben kann.

Sein Rückzugsort ist ein in regenbogenfarbe getauchter Zirkus. Hier albern Erwachsene unbeschwert und frei herum. Damit stellen sie einen Gegenpol zur strikten Welt der Erwachsenen dar. Aber der Zirkus zeigt uns auch die Wünsche und Sehensüchte Terayamas. Seine jugendlichen Träume und Vorstellungskraft werden an diesem heiligen Ort befreit, wie in Jodorowskys Santa Sangre.

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