Her ★★★★★

Romanzen gibt es mittlerweile wie Sand am Meer – die Art von Liebesfilmen jedoch, die solch eine regelrechte Wärme und Ehrlichkeit ausstrahlen, dass man sich in sie regelrecht verkriechen wollen würde, sind schwerer anzufinden und gleichen einer besonders schönen ans Ufer gespülten Muschel.

'Her' bietet genau solch eine Geschichte, was angesichts des Stoffes zunächst gar nicht unbedingt abzusehen ist. Was hätte wohl jemand anderer als Oscar-Gewinner Spike Jonze mit seinem Drehbuch veranstaltet? In einer durchaus fortgeschrittenen aber unserer doch ähnlichen Zukunft verliebt sich ein sich einsam fühlender Mensch hoffnungslos in sein virtuelles Betriebssystem, das zwar eine stets weiterlernende, menschliche Persönlichkeit und eine schöne Frauenstimme bietet, aber eben doch keinen physischen Körper. Überall sonst - so ahnt man - würde der Inhalt Geißel eines dystopischen und sozialkritischen Zeigefingers werden, der uns mahnend vor den Gefahren der virtuellen Realität warnen und uns zurück in „echte“ menschliche Interaktionen schnippen wollen würde. Bei 'Her' liegen die Dinge jedoch anders.

Der Pfad, den 'Her' entlang schreitet, könnte vom Begriff der plumpen Sozialkritik nicht weiter entfernt sein. Stattdessen ist das Sci-Fi-Element hier bloß Vehikel dafür, um die angenehmen und unangenehmen Wahrheiten hinter dem Komplex der Liebe zu transportieren, die unter die Haut gehen. Ein jeder wird sich an irgendeiner Stelle wiederfinden, wenn der Film darüber philosophiert, was Trennungen in uns auslösen oder was es bedarf, um zu jemanden eine ehrliche Verbindung aufzubauen. Und auch bei Themen dunklerem Naturells wie der allgemeinen Einsamkeit oder der Frage, ob uns die Beziehung zu einem Menschen wirklich ausfüllen kann, verliert sich der Film nicht in deprimierenden Radschlägen, sondern bleibt angenehm anschmiegsam, ohne seicht oder weniger nachdenklich zu werden.

Zum einem liegt dies an der ungeheuren Chemie, die Joaquin Phoenix und Scarlett Johansson zumindest phonetisch gemeinsam versprühen und die nicht bloß eine ganze Bandbreite an Emotionen abfeuern, sondern in ihrem Zusammenspiel auch überraschend leichtfüßig und humorvoll erscheinen.
Auf der anderen Seite ist dies allerdings auch der visuellen Kraft des Films zu verdanken, der uns mit satten Farben und vor allem warmen Rottönen umschmeichelt, auf diese Weise zunächst sehr angenehm erscheint, aber die Bilder dennoch mit genug Würde und Erhabenheit versieht, um uns eine Zukunftsvision zu bieten, auf die man sich zur Abwechslung freuen kann und sie nicht fürchten muss.

'Her' hat mir vor allem wieder mal aufgezeigt, wie wenig wir eigentlich von der Liebe verstehen, aber wie wenig wir auch verstehen müssen, um sich dennoch an ihr zu erfreuen. Schnell finden wir uns in Urteilen und im Unverständnis wieder, wenn die Beziehungen anderer von unseren Normen und Vorstellungen abweichen, doch wer sind wir schon, um Normen setzen und die Sehnsüchte anderer konterkarieren zu wollen. Wichtig ist die Erforschung unserer eigenen Gefühle und wie wir sie nutzen können, um eine Verbindung zur Welt da draußen herstellen zu können. Mit seinem Charme und seinen emotionalen aber umgarnenden Tönen hilft uns 'Her' dabei und wird für mich damit nie wieder als Vertreter von unkonventionellen Romanzen in Vergessenheit geraten.

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