Alita: Battle Angel

Alita: Battle Angel ★★½

"Alita: Battle Angel" ist ein schwieriger Fall. Die Leinwand-Adaption von Kishiros Cyberpunk-Manga ist die Erfüllung eines Traums für Produzenten James Cameron und auch für Robert Rodriguez, der hier die Regie übernahm. Und man kann nicht bestreiten, vielerlei Wundervolles ziehen sie aus dem Ausgangsmaterial auf den Silver Screen. Allein die detailreich umgesetzte Welt, muss man gestehen, ist Grund genug, den Eintritt zu bezahlen. Nicht nur gibt hier wundervolles CGI handgemachten Sets die Klinke so geübt in die Hand, dass beides miteinander verschmilzt, quasi nicht mehr zu unterscheiden ist, neben der generellen Schönheit bringt jedes Gebäude, jede Gasse, jede Tagezeit und jeder Charakter im Hintergrund eine besondere Individualität mit sich, die bei vielen heutigen Blockbustern nichtmal die Protagonisten besitzen.

Die Charaktere selbst sind dabei auch toll ausgearbeitet, allen voran Alita. Eine der symphatischsten und coolsten Protagonisten der letzten Kinojahre. Rose Salazar spielt diese phenomenal und das Motion-Capturing ist perfekt umgesetzt. Wer sich schon im Trailer nicht mit ihrem Look anfreunden konnte, wird hier natürlich auch nicht glücklich, ich finde die Entscheidung, einen Live-Action Charakter mit Anime-Stilistiken umzusetzten aber dezent genial für eine Figur, die als eine menschliche Seele im Cyborg-Körper konzipiert ist (ist ja schließlich auch nicht mehr die neuste, aber für Science-Fiction irgendwie eine universelle Thematik). Neben ihr wird aber ebenso Platz für tolle Charaktere geboten. Christoph Waltz spielt auf seine bekannt-charmante Art Dr. Dyson Ido, eine gelungene Mischung aus skuril (Stichwort: raketenbetriebener Vorschlaghammer) und archetypisch, ohne zu klischeebehaftet zu sein; kurzum, Ido ist gut umgesetzt, hat genug Screentime, kriegt seine eigenen kleinen Momente aber auch schöne Momente mit anderen Charakteren. Wichtig ist ebenfalls Hugo, der Love-Interest. Sein Charakter wurde nicht ganz aber zu genüge ausgereizt, um auch ihm seine Momente zu spendieren, die hätten aber noch deutlich mehr Wirkung entfalten können. Dass Die Antagonisten aber weniger beleuchtet werden stört gar nicht; sie werden durchgänig als Stufen eines großen Systems dargestellt, die zwar Gründe dafür haben, warum sie für jenes arbeiten, diese auch mitteilen, aber eben auch immer wieder von diesem zurückgedrängt werden. Es wird irgendwann selbst gesagt: sie sind nur Hüllen, entbehrlich, ihre Individualität haben sie, interessieren tut das aber niemanden. Und ja, das macht sie durchaus tragisch.

Bester Aspekt des Films ist aber ein Markenzeichen von Cameron und Rodriguez: die Action. Diese stammt hier zwar wohl größtenteils aus dem Computer, aber wenn, dann so. Kein unnötiger Schnitt, stylische Slow-Motion, Übersichtlichkeit, Kinetik und ein Händchen für Spektakel machen aus den Action-Szenen von Alita einen Traum, der in der Budget-Klasse nicht allzu viele Konkurenten hat. Einzig und allein die Kürze die so manch ein Action-Moment hat, könnte man vielleicht kritisieren.

Dafür passen die Action-Momente grandios in die Narrative, folgen einem epischen Spannungsaufbau (die Bar-Szene! Gänsehaut!) und entwickeln bestenfalls die Charaktere weiter. Neben (dem ja ebenfalls präsenten) gelungenem Handwerk sind das ja eigentlich die Hauptzutaten für gelungene Action-Kost, und hier waren sicherlich Meisterköche am Werk.

Vieles gibt es also an "Alita", das begeistert, auch vieles, dass sich gegen die negativen Eigenschaften heutiger Blockbuster wendet. Leider fällt mit all dem Licht aber auch viel Schatten, und es fallen massive Schwächen auf, die für jeden zweiten Moment der Euphorie auch einen Facepalm bereihalten.

Am schwächsten ist der Film dabei dann, wenn Leute den Mund aufmachen. Ernsthaft. Man kann Geschriebenes nicht immer 1:1 auf Hör- und Sehbares übertragen, und viele der Dialoge sind entweder expositorisch (auf sehr plumpen Level) oder kitschig bis dämlich. Es ist ehrlicherweise aber auch nicht so, dass es keine Ausnahmen gäbe. Manche Dialoge sind auch sehr charmant und "Fuck your mercy" könnte One-Liner des Jahres werden (then again, wir kriegen ja noch nen Tarantino-Film. Wohl eher doch nicht).

Leider hören die Schwächen des Drehbuchs da nicht auf. Auch wenn ich (bisher, aber dass wird sich noch ändern :D) nur 1/4 des Mangas gelesen habe, merkt man, wie immens schwierig es war, die große Welt und die hundertseitigen Story-Arcs in einen einzigen Film unterzubringen. So bekommt man es letztendlich mit einem mehr oder weniger eleganten Cliffhanger zu tun. Ob man nun immens Darlings hätte killen sollen oder lieber noch ne Sunde dranklatschen sollte? Ich denke eher letzteres, denn in der zweiten Hälfte des Films zerfasert die Handlung völlig, ohne aber dass irgendeiner der hastig abgehakten Aspekte uninteressant gewirkt hätte. Auch geht in der zweiten Hälfte durch überstürzte Handlungen gänzliches Zeitgefühl verloren. Ich hoffe dass es noch genug erläuterndes Filmmaterial gibt, dass nicht verwendet wurde, und zum Home Release für einen Extended Cut verwendet werden könnte. Das würde den Film wohl nochmal aufwerten.

Fazit: Symphatisch. Herz, Seele und Freude am Detail kann man "Alita: Battle Angel" kaum abreden, und das ist schön in einem modernen Blockbuster zu sehen, fehlt es doch heutzutage oft in diesen. Leider krankt der Film gleichzeitig auch an Schwächen selbiger, nämlich im Drehbuch-Bereich. Dieses zeigt sich, nebst teilweise hirnrissigen Dialogen, nämlich als sehr unausgegoren. Die Stars von Alita sind dafür die fantastischen Charaktere und atemberaubende Technik. Ich wiederhole mich: ein schwieriger Fall, aber ein so spaßiger und symphatischer, dass ich ihn wohl noch oft sehen werde. Unterstützenswert.

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