The French Dispatch

The French Dispatch ★★★★★

Et j'ai crié, crié "Aline!" pour qu'elle revienne
Et j'ai pleuré, pleuré
Oh j'avais trop de peine

Ich gebe es zu: Einen Film wie The French Dispatch habe ich dringend gebraucht. Verströmt er doch ab der ersten Sekunde alles, was viele von uns momentan echt vermissen: Lockerheit, Unterhaltung, Spass…kurz gesagt, ein gutes Gefühl! Ist er Style over Substance?! Natürlich, so was von! Aber mit solch einer Kreativität inszeniert, dass man nicht anders kann als sich in den Film zu verlieben.

Freilich kam dies alles wenig überraschend. Dass The French Dispatch ein 5 Sternefilm wird, weiss ich seit fast 1.5 Jahren. Damals, in der Anfangsphase der Pandemie (Februar 2020 wenn ich mich richtig entsinne), hatte ich nämlich zum ersten Mal den Trailer gesehen. Und Leute, dass war Liebe auf den ersten Blick! Nie erloschen, auch gefühlte 100 weitere Sichtungen später nicht. Vielleicht wurde der Streifen über die Zeit für mich so etwas wie ein Symbol. Ein Symbol, dass die Pandemie irgendwann vorüber sein wird und wieder eine gewisse Leichtigkeit und Lebensfreude herrschen kann. Frei nach dem Motto: Wenn der mal tatsächlich im Kino läuft, wird alles gut.
Ja, die Pandemie ist noch nicht vorbei. Aber für kurze 2 Stunden war ich dennoch in einer Welt, in der alles gut war. Hier werden alle meine Knöpfe gedrückt, dementsprechend geht Liebe raus.

Die Herrlichkeit fängt schon bei der Laufzeit an. 1 Stunde und 43 Minuten. Zweifellos eine willkommen Abwechslung. No Time to Die, The Last Duel, Dune, alles Brecher. Um die 2.5 bis 3 Stunden lang. Zum Teil bierernst. Hier kriegt ihr das pure Gegenteil und habt nach der Vorstellung sogar noch etwas Zeit über. Das nenne ich doch einen Deal!

Das grösste Alleinstellungsmerkmal von French Dispatch ist ohne Zweifel die Bildsprache von Wes Anderson. Und hier tobt sich der gute Mann so richtig aus. Jede Einstellung ein Gemälde, jedes Bild wunderschön und mit Liebe arrangiert. Wer schon The Grand Budapest Hotel visuell geliebt hat kommt hier vollends auf seine Kosten. Eine Sichtung reicht bei weitem nicht um alles zu erfassen. Unglaublich wie stimmig alles zueinander passt. Die Bilder, die Kostüme, die Musik…toll! Das heisst im Umkehrschluss auch, dass wer mit dem spezifischen Look nichts anfangen kann, sich den Film lieber nicht anschaut. Vom visuellen Aspekt her, hat Wes Anderson mit The French Dispatch seinen Magnum Opus geschaffen.

In der Vorberichterstattung (unter anderem aus Cannes) war immer wieder Kritik bezüglich der Story zu lesen. TFD ist nämlich im Grunde genommen ein Anthologie Film. Zwar von einer Hauptstory lose getragen, aber doch im Kern unabhängig. Das macht die Bindung zu den Charakteren schwer hiess es von der Fachpresse. Das stimmt, könnte mir aber nicht egaler sein. Ich würde sogar meinen, die Erzählweise kommt der französischen Depesche und vor allem ihrem Regisseur sehr zu Gute.
Mehrmals habe ich beim guten Wes nähmlich das Problem, dass seine Filme vor allem gegen Schluss immer wieder ausufern und grosse Verrenkungen durchführen müssen um möglichst noch den letzten Tropfen visuelles Bravado rauszupressen. Homogen geht anders. Für mich ein Indiz, dass Anderson seine Geschichten um die Bilder herum spinnt, die er schon weit vorher in seinem Kopf hat. Dies hat ihn meiner Meinung nach bereits einige Male in erzählerische Erklärungsnot geführt, auch wenn er es in der Regel unter einer extra Prise Charme zu kaschieren vermochte. Hier wird dieses Problem durch die ungezwungene Erzählstruktur gänzlich ad acta gelegt. Alles wirkt frisch, nichts wiederholt sich und fühlt sich trotzdem wie eine echte Einheit an. Der Schluss ist genau auf den Punkt, auch wenn ich locker noch 20 Minuten länger hätte zusehen können. Er scheint mit Hilfe dieser «Geschichtssegmentierung» sein Idealformat gefunden zu haben. Dieses Statement ist ein grosses Kompliment an den Film, denn ich ergreife üblicherweise relativ schnell die Flucht wenn ich Anthologie auch nur im Ansatz höre.

Auch der zweite Kritikpunk relativiert sich für mich. Ja, die Charaktere sind oberflächlich. Viele der namhaften Stars haben höchstens einen Kurzauftritt. Mich stört es nicht. Ich schaue mir diese Filme nicht primär wegen den Charakteren an. Die sind für mich meist Mittel zum Zweck und werden meiner Meinung nach nur selten sehr tief beleuchtet. Der superbe Cast versprüht so viel Spielfreude, dass man von fehlender Tiefe kaum Notiz nimmt.

Das liegt auch am Tempo. Die Story verweilt nie zu lange an einem Ort. Alles geht rasend schnell. Selbst jetzt, wenn ich mich in Ruhe an alles zurückerinnern will, überlagern tausend Gedanken meine Gehirnwindungen. Bunt, verschroben, skurril, einzigartig.

Aber klar, dass ist alles irgendwo auch persönlicher Geschmack. Wer auf tiefe Charakterzeichnungen, Action und Spannung wert legt, der wird wohl nicht vollständig glücklich werden. Egal, sollen andere den tieferen Sinn des Filmes suchen. Für mich reicht es vollkommen, dass er mich während seiner Laufzeit glänzend unterhalten hat. Und ich sogar kurz alles um mich herum vergessen konnte. Traumhaft! Fabelhaft!

Für mich wird der Ende des Jahres weit oben stehen. Bin gespannt ob es sogar für den Topspot reicht.

PS: «Aline» (hier gecovert von Jarvis Cocker) ist wohl der Filmsong des Jahres. Schaut euch dazu unbedingt das Musikvideo an. Schön! Übrigens ist auch das Original von Christophe absolut hörenswert. Was soll ich sagen, die Akkorde funktionieren halt immer…

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