Nocturama

Nocturama ★★★½

Filmwelt Filmclub #44 - Nocturama - ausgewählt von Kaladin

Außergewöhnlich ruhig und doch unheimlich schnell vergehen die ersten 50 Minuten von Nocturama. In dieser Zeit werden wir Zeuge der Ausführung eines terroristischen Anschlags auf die so ziemlich abgeklärteste Art und Weise, die man sich vorstellen kann. Doch nach der erfolgreichen Durchführung endet der Film noch lange nicht, denn die jugendlichen Terroristen ziehen sich in ein Kaufhaus zurück, welches schon bald zu einer Art Spielwiese wird.

Angenehm gelangweilt ist man während der Sichtung von Nocturama, denn sonderlich viele Gründe, um in irgendeiner Art und Weise in die Handlung investiert zu sein, liefert der Film nicht. Seine Figuren bleiben weitestgehend ziemlich Blass, seltenst nimmt die Geschichte so wirklich an Fahrt auf und weiß Höhepunkte zu erzeugen. Eine Ausnahme stellt hier der finale Akt dar, welcher äußerst intensiv und fesselnd inszeniert ist.

Man muss sich die Puzzlestücke, die einem der Film bereitstellt, selbst zusammenlegen, damit das große Ganze ersichtlich wird. Auf der einen Seite ist dies eine Stärke, da so der eher weniger spannenden Geschichte etwas gegeben wird, wonach man suchen kann. Andererseits ist es ein potenzieller Todesstoß für all diejenigen, die nicht gewillt sind dies zu tun. Mit seinen 130 Minuten Laufzeit ist Nocturama zudem auch bei weitem kein leicht zu konsumierende Stoff, doch ist er es mit der richtigen Herangehensweise im Endeffekt wert.

Wie hier Unausweichlichkeit und jugendliche Naivität eingefangen werden ist bemerkenswert. Besonders die sehr guten Darbietungen sämtlicher Darsteller*innen hieven den Film nochmal auf ein höheres Level, ohne hier irgendwen besonders hervorheben zu wollen. Nicht zuletzt ist dies aufgrund der gigantischen Unterschiede der einzelnen Charaktere, bezogen auf ihren Hintergrund und Lebensstil, kaum möglich.

Durch viele tolle Bilder und etliche Trackingshots ist Bertrand Bonellos Film auch als wahrer Augenschmaus zu betiteln. Hinzu kommen noch der ein oder andere starke Einfall in Sachen Bildkomposition und Schnitt, obgleich man an dieser Stelle mindestens eine Sequenz gegen Ende kritisieren darf oder sogar muss. Wie man in der ersten Hälfte des Films sieht, ist Nocturama durchaus nicht abgeneigt, Momente seiner Geschichte im Splitscreen zu präsentieren. So stößt es doch etwas bitter auf, dass man einen der letzten Momente des Films mehrfach hintereinander, nur aus anderen Perspektiven gefilmt, vorgespielt bekommt.
Das Sounddesign und besonders die musikalische Untermalung weisen wiederum keinerlei Mängel auf. Besonders Score und Soundtrack sind stets passend gewählt und ergänzen ab und an sogar wunderbar die Handlung.

Nocturama ist nicht fehlerfrei und doch ziemlich faszinierend. Der ein oder andere Moment oder so manch eine Entscheidung mag bitter aufstoßen. Im Endeffekt überwiegen jedoch die positiven Aspekte rund um die grandiose musikalische Untermalung und die tolle Kameraarbeit, sowie das Schauspiel. Wer die 130 Minuten aufbringen kann und etwas außergewöhnliches sehen möchte, dem sei dieser französische Streifen definitiv ans Herz gelegt.

7.5/10

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