The Irishman

The Irishman ★★★½

The Irishman
Regie von Martin Scorsese

Prolog

Wo zur Hölle fängt man hier an? Für die meisten dürfte "The Irishman" einen der heiß ersehntesten Filme des Jahres darstellen und das kann ich gut verstehen. Kultregisseur Scorsese allein dürfte bei den meisten schon ziehen, aber wenn dann auch noch Schauspieler wie Robert De Niro, Al Pacino, Harvey Keitel und Joe Pesci mit von der Partie sind, dürfte auch der letzte Filmfan hellhörig werden; so auch ich. Wenn es nach Letterboxd, also der Durchschnittsbewertung auf der Seite, geht, haben wir hier nicht nur einen der besten Filme des Jahres oder des Jahrzehnts, nein, sogar aller Zeiten und auch das hat natürlich eine gewisse Zugkraft, das muss ich zugeben. Wer mich jedoch kennt, der weiß, dass ich mit dem Gangsterfilm wirklich nicht viel anzufangen weiß und deshalb hatte ich natürlich auch meine Bedenken was diesen Film angeht, denn man muss sich schließlich auch gut 3 Stunden und 30 Minuten Zeit nehmen, um dieses Werk, am besten an einem Stück versteht sich, zu schauen. Da mir bereits "The Godfather" viel zu lang war habe ich zwar kurzzeitig schwarz gesehen, aber mir letzten Endes gedacht: Was soll's, wenn du den Streifen kacke findest, dann kannst du dich wenigstens über die stumpfen Hasskommentare lustig machen. Glücklicherweise wird es zu diesen (hoffentlich) nicht kommen, denn mir hat "The Irishman" überraschenderweise, *Trommelwirbel*, gut gefallen.

Prolog II

Heute habe ich mir Mal eine etwas andere Struktur überlegt, denn bevor ich auf die Storyelemente des Films zu sprechen komme, werde ich ein paar Dinge loswerden, die ich sonst nicht richtig einordnen hätte können, so denke ich. Beginnen wir mit der Ironie, dass ein Regisseur wie Scorsese mit seiner Haltung zu Streamingdiensten und dem heutigen Blockbuster-Kino seinen neuen Streifen auf Netflix veröffentlicht. Ich weiß, es hat finanzielle Gründe, aber die hätten umgangen werden können. So wie ich das ganze verstanden habe, liegt der Hauptgrund, aus dem der Film so teuer geworden ist, darin, dass die Kosten des Verjüngungsprozesses unterschätzt wurden. Da frage ich mich an erster Stelle, wieso dies geschah und warum man diesen überhaupt gebraucht hat, ungeachtet der Tatsache, dass Martin Scorsese normalerweise nicht wirklich viel CGI einsetzt. Ja, man kann einen Robert De Niro oder Al Pacino nicht wirklich ersetzen oder gar mit einigen jüngeren Darstellern gleichsetzen, aber man sieht an Filmen wie "Looper", dass ein Casting eines anderen Schauspielers als junge Version eines Charakters funktioniert, in diesem speziellen Beispiel war es Joseph Gordon-Levitt als junger Bruce Willis. So etwas hätte funktionieren können; Konjunktiv. Man könnte endlos weiter darüber diskutieren, doch um nicht zu sehr in dieses Gefilde abzudriften, sprechen wir doch kurz darüber, wie sich die Verjüngung auf den Film an sich ausgewirkt hat. Zuerst ist es wirklich interessant und auch irgendwie cool, einen jungen Robert De Niro in einem Film aus dem Jahr 2019 zu sehen und meistens sieht man auch nicht wirklich deutlich, dass man hier mit dem Computer künstliche Verjüngung betrieben hat, aber ich würde nicht das Wort "meistens" benutzen, wäre dies immer der Fall. Es gibt Momente, in manchen Close-ups beispielsweise, dort sieht man recht deutlich, dass nicht alles real ist. Dies stellt für mich aber nicht das größte Problem des Prozesses dar, denn was mich oft abgelenkt hat ist, dass zwar das Gesicht und die Haut jünger wirken, Körperhaltung, Bewegungsgeschwindigkeit, etc. trotzdem mehr oder wenig ununterbrochen wie die eines über 70 jährigen Mannes wirken und insbesondere in Szenen, in denen man De Niro jemanden schlagen oder treten sieht - ein perfektes Beispiel stellt die Szene vor dem Lebensmittelmarkt dar -, fällt einem das mehr als deutlich auf. Somit stellt für mich der Verjüngungsprozess Fluch und Segen gleichzeitig dar, es ist interessant ihn zu sehen, ich wäre aber vermutlich auch ohne ihn ausgekommen, doch natürlich weiß man nicht, ob der Film dann gewirkt hätte, wie er es nun tut. Man sieht, dieses Thema könnte man endlos weiterführen, allerdings möchte ich das an dieser Stelle abhaken.

Bleibt bitte in den Kommentaren sachlich, sollte ich etwas bezüglich der Entstehungsgeschichte des Films und der Entscheidung Scorseses den Film auf Netflix zu veröffentlichen falsch dargestellt haben. Dies geschah, sollte der entsprechende Fall eintreten/eingetreten sein, nicht aus böswilliger Absicht. Danke.

Story

Es wird allerhöchste Zeit, mit dem Storypart meiner Review zu beginnen und es liegt natürlich sehr nahe zunächst auf die Lauflänge zu sprechen zu kommen. Mit 209 Minuten fällt diese, besonders für heutige Standards, überdurchschnittlich lang aus, was für viele, mich eingeschlossen, zunächst leicht abschreckend wirken kann. Nichtsdestotrotz hat Scorsese bewiesen, dass mit einer so langen Laufzeit nicht zwingend Langeweile einhergehen muss, was auch, und ja ich weiß wie unpassend der Vergleich ist, bereits "Avengers Endgame" dieses Jahr schon tun konnte. Es ist schön zu sehen, dass sich (namenhafte) Regisseure immer noch an solche Laufzeiten heranwagen und es ist ebenso schön zu sehen, dass Mal wieder ein Gangsterfilm erschaffen wurde. Nein, ich bin kein großer Fan dieses, ich nenne es Mal so, Subgenres, aber Vielfalt im Kino, beziehungsweise in der Filmlandschaft, ist immer wichtig und mit der steigenden Zahl von Remakes und Franchises, ebenfalls ungeachtet dessen, wie ich die Filme letzten Endes finde, geht einher, dass eben jene Vielfalt immer weiter verloren geht. Ich merke: Ich schweife ab. Trotz seiner sehr langen Laufzeit schaffte es "The Irishman" tatsächlich zu keinem Zeitpunkt langweilig zu sein und mich zu verlieren, nein, er schaffte es, mich durchgehend an der Stange zu halten. Ich saß nicht 3 ½ Stunden wie gebannt vor dem Fernseher, ich habe nicht jede Szene bestaunt und ich finde auch, dass man den Film sicherlich hätte kürzen können, aber ich war nie gelangweilt und das ist ein Fakt. Wir begleiten über besagte Laufzeit Frank Sheeran in seinem Leben und erleben wie er vom LKW-Fahrer zu einer der größten Persönlichkeiten innerhalb der Cosa Nostra wurde, was äußerst interessant zu sehen ist, wenn man im Hinterkopf behält, dass dieser Film auf dem Leben einer realen Person basiert und damit mehr oder weniger auch ein Biopic darstellt. Eine der größten stärken des Films neben seiner Inszenierung sind die Dialoge, denn diese sind oft messerscharf und auch wenn man sich logischerweise nicht von allen Klischees des Genres hat befreien können, beispielsweise was bestimmte Phrasen oder ähnliches angeht, wirken die Dialoge durchgehend punktiert und nie wirklich gestellt. Einen großen Beitrag dazu leistet auch die Erzählweise, denn wir hören aus dem Off ständig die Stimme von Frank Sheeran, also Robert De Niro, welcher dementsprechend nicht nur als Protagonist, sondern auch als Erzähler fungiert. Er erzählt seine Geschichte oft mit einer gewissen Gleichgültigkeit, die wirkt, als würde Sheeran davon ausgehen, dass wir genauestens wüssten was er, wann immer er etwas sagt, meint. Ich fand es auch sehr schön zu sehen, dass sich Scorsese auch traut im Bereich Brutalität keine halben Sachen zu machen. Okay, man bekommt hier keine Bilder wie in "The Raid" oder "John Wick" geboten und auch wenn die brutaleren Szenen nicht wirklich besonders sind, bewegt sich die Kamera in den meisten Fällen kein Stück, es wird schonungslos draufgehalten, egal ob und wenn ja wie viel Blut fließt. Was für mich nicht wirklich funktioniert hat waren die emotionaleren Szenen, besonders gegen Ende. Wieso dies der Fall ist, dazu komme ich gleich.

Charaktere und Darsteller

Wie von mir gewohnt geht es nun um die Figuren in diesem Film, was natürlich die Schauspieler mit einschließt. Ich fange an der Stelle einfach Mal mit dem Protagonisten, also Frank Sheeran an, welcher in diesem Film, wie nun oft genug erwähnt, von Robert De Niro verkörpert wird. Natürlich bekommt man viel von dieser Person mit, klar, man begleitet sie schließlich 3 ½ Stunden und da liegt es nahe, dass man am Ende des Films verschiedenste Facetten der Figur kennt. Wie sich dabei Frank Sheeran verändert, besonders in Bezug auf seine Familie und ihren Stellenwert, bleibt bis zum Schluss interessant. Selbiges gilt für die Art, auf der andere Figuren Sheeran betrachten, was ebenfalls oft deutlich zu erkennen ist. Darstellerisch braucht sich De Niro ein weiteres Mal nicht verstecken, denn seine Leistung ist Mal wieder sehr stark, was unter anderem an dieser besonderen Präsenz liegt, die er auf der Leinwand ausstrahlt. Von Jimmy Hoffa und Russell Bufalino bekommt man persönlich wesentlich weniger mit, aber auch ihnen merkt man natürlich Veränderungen an, was nicht selten an den sehr starken Performances der Schauspiellegenden Al Pacino und Joe Pesci liegt. Als schauspielerisch ebenfalls erwähnenswert empfand ich übrigens Ray Romano, der als Bill Bufalino in jeder seiner Szenen zu überzeugen weiß, ebenso wie Jesse Plemmons. Um den angekündigten Bogen auf den Storypart dieser Review zu schlagen, komme ich nun zu meiner emotionalen Verbindung zu den Charakteren, welche mehr oder weniger nicht vorhanden ist. Auch wenn wir eine so lange Zeit mit den Charakteren verbringen und die Geschichte von Frank Sheeran persönlich erzählt bekommen, schafft es Scorsese meiner Meinung nach nicht, emotionale Bindungen aufzubauen, denn dafür sind die Charaktere einfach nicht greifbar genug, allen voran sämtliche Nebencharaktere. So negativ das auch klingen mag, es ändert nichts daran, dass ich die Charaktere interessant finde, persönlich haben sie mich jedoch einfach nicht berühren können.

Bild und Ton

Die Kameraführung in "The Irishman" ist durchgehend auf einem sehr hohen Niveau und vor allem eine Menge Schwenks sehen wirklich super aus. Generell ist der Streifen wunderbar gefilmt und was auch immer abgebildet wird wirkt wirklich stark. Trotzdem muss ich leider sagen, dass im Vergleich zu Filmen wie "Joker", "Midsommar" oder "Parasite" die Optik von "The Irishman" meiner Meinung nach den kürzeren zieht. Der Schnitt, oft versehen mit Einblendungen bezüglich des Todestages einer Person, ist oft unauffällig, hat aber auch seine besonderen Momente und gefiel mir insgesamt wirklich gut. Über das CGI habe ich zwar schon gesprochen, aber ich möchte noch einmal kurz betonen, dass es größtenteils sehr gut aussieht und die kleinen Probleme die ich mit dem Verjüngungsprozess habe nur in den seltensten Fällen mit der Optik an sich zu tun hat. Der Score/Soundtrack passt wunderbar zu dem Geschehen innerhalb des Filmes und bietet den ein oder anderen sehr einprägsamen Track, weswegen ich mir bereits einmal den Score auf Spotify angehört habe. Das Sounddesign gehört für mich innerhalb der audiovisuellen Aspekte von "The Irishman" neben dem Score zu den eindeutigen Highlights, denn wir in ruhigen Szenen wirklich jedes bisschen an Sound aufgesogen wird konnte mich wirklich überzeugen.

Fazit

Es gibt viel positives an "The Irishman", wie die technischen Aspekte oder die Tatsache, dass mich der Film wirklich 3 ½ Stunden relativ gut unterhalten konnte, aber für mich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass der Streifen dennoch zu lang ist, in mir keine wirklichen Emotionen auslösen konnte und wahrscheinlich alles in allem schlicht und ergreifend keinen allzu großen Mehrwert bietet. Ich bezweifle, dass ich "The Irishman" in den nächsten Wochen oder Monaten ein weiteres Mal sehen werde und auch wenn der Film definitiv einen Blick wert ist und meine Sicht auf den Gangsterfilm ein wenig gerade gerückt hat, gehört er für mich nicht wirklich zu den besten Filmen des Jahres. Für Fans von Scorsese und dem Gangsterfilm an sich ist "The Irishman" vermutlich ein Segen, für mich stellt er einen guten und interessanten Film dar, allzu viel mehr aber auch nicht.

7.0/10

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