The Lighthouse ★★★½

Vier Jahre hat es gedauert, ehe Robert Eggers nachlegte. Wie kommt jemand, der „The Witch“ (2015) gedreht hat, auf „Der Leuchtturm“? In beiden Filmen legt Eggers die Konstruktion von Überzeugungen offen, die in einem Fanatismus der Selbstgerechtigkeit implodieren. War es in „The Witch“ eine Familie, deren religiös-totalitärer Eifer sich alsbald in eine prophetische Willkür verstrickte, schickt Eggers in „Der Leuchtturm“ zwei Leuchtturmwärter auf eine von tosenden Wellen kontaminierte Insel. Auf dieser Insel steht ein Leuchtturm, den die beiden Männer zu warten haben. Willem Dafoe und Robert Pattinson spielen diese beiden Männer, wovon der eine – Thomas Wake (Dafoe) – hinkt und den größten Teil der Arbeit dem anderen überlässt. Eine Zweierkonstellation in einer hermetischen Situation des Mangels: das immergleiche Essen, keine Frauen, Einsamkeit. Nur das Meer. Licht. Und Sirenengesang. Odysseus‘ Crew ließ sich von den Sirenen einst nicht ablenken, indem sie sich Wachs in die Ohren stopfte. Wake und Winslow (Pattinson) hingegen müssen das nicht, das tägliche dröhnende Geheul ist zu ihrem musikalischen Murmeln aus einem voluminösen Radio geworden. Sie saufen, furzen, tanzen – und der Wahnsinn verringert seinen Abstand.

„Der Leuchtturm“ changiert zwischen dunkler Schauermär und düsterer Komödie. Eggers lädt die Filmgeschichte ein: Jack Torrance schnappt sich seine Axt, Hitchcocks Vögel umkreisen die Protagonisten wie einen verwesenden Kadaver, Ingmar Bergman liefert die quadratischen Einstellungen und der deutsche Expressionismus die Schatten, die sich im Sturm wogen. Der Film ist ein atmosphärisch zusammengebrauter, schwelender Film, ohne zu mathematisch im Arrangement zu sein – schließlich ist das mit exaltierter Inbrunst rezitierte und dichterisch fabulierte Seemannsgarn der Leuchtturmwärter die einzige Öffnung, in der sie sich mit ihrer Sprache den Schlüssel ihres Gefängnisses zurückerobern. Und wie gemütlich, wie karikaturesk das ist! Bei Unwetter und (nach Vorschrift verbotenem) Schnaps erzählen sich Wake und Winslow Geschichten von früher, über das Fernweh und über das Heimweh. Theatralisch-theaterhaft schunkelt das Set, während sich zwei Männer ebenso verschaukeln wie verstören. Das Kräfteverhältnis ist (anfangs) unausgeglichen – Willem Dafoe verliebt sich manisch in eine legendarische Seemannskunstfigur, wohingegen Robert Pattinson aus dem Wald wegwollte und alles – zähneknirschend – abzunicken bereit ist.

Zweifellos ernst ist das Wenigste davon. Winslow hat es mit einer Seemöwe zu tun, die ihn nervt und mit ihrem Schnabel ans Fenster klackert. Andernorts muss er eine Schubkarre voll Dreck loswerden, merkt jedoch zu spät, dass er das Geschmeiß gegen die Windrichtung auskippt. Hinzu kommt: die ständigen Fürze, die ständigen Geschichten. Robert Eggers stückelt den Alltag von Wake und Winslow, die bereits durch den Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens schicksalhaft aneinandergebunden sind, mit grimmiger Mühsal und physischer Pein, bei dem das Schleppen und Wuchten von zentnerschweren Behältern auf einer Wendeltreppe selbst beim Hinschauen knackende Gelenkschmerzen verursacht. Wie bei Tarkowskij dringt Wasser durch die Ritzen und plätschert von oben nach unten, je ausufernder den Protagonisten die Kontrolle über sich entgleitet – und sich in ihren Gemächern der Abfall, der Überrest stapelt. Der Verfall, wie ihn Eggers spuksicher und alttestamentarisch in Szene gießt, infiziert gleichsam den äußeren Raum, der Innenraum wird: Wasser verwandelt sich in eine chemisch geschwärzte, dickflüssige Brühe, Maschinen stocken, Leichen tauchen unversehens auf. Eine Klage im Angesicht sündiger Bestrafungen?

Eben: Was genau ist es, dass Wake und Winslow in den Wahnsinn treibt? Eine kleine Ursachenforschung: Die Rache der Möwen? Winslows sich nicht bestätigende Virilität? Oder seine sich nicht befriedigende Libido (außer in sexuellen Zwischenschaltungen mit einer Meerjungfrau)? Das Wasser, das Meer, der Leuchtturm? Sein Licht, in dem etwas haust? Wake? „Der Leuchtturm“ ist nicht darauf ausgelegt, dass man den Film weder logisch erklären noch logisch erleben soll. Als thematische Fortsetzung von „The Witch“ beschäftigt sich auch „Der Leuchtturm“ mit der destruktiven Macht des räumlichen wie spirituellen Eingeschlossenseins, erst recht, wenn der Mythos in einvernehmlicher Dogmatik mindestens einen Mann ergriffen hat, der sich ihm hingibt. „The Witch“ und „Der Leuchtturm“ sind insofern zwei Filme über die Differenz zwischen dem Sagen und dem Deuten – und den Grenzen des Glaubens. Als Winslow Wake „seine“ Geschichte mitteilt – er, ein Holzfäller, der die Bäume satthat, wolle ein unabhängiges Leben in einem Haus, wo er sich keinen Vorgesetzten mehr beugen muss – ist Wake davon gelangweilt. Eine „öde Geschichte“ sei das. Da vollkommen ohne Theater, da logisch. Für Robert Eggers Figuren mutet die Logik wie das Salz im Süßwasser an.