Licorice Pizza

Licorice Pizza ★★★★½

Manchmal, auch wenn man ganz genau weiß, dass zwei Dinge nicht zusammenpassen, versucht man sich trotzdem daran, irgendetwas neues zu erfinden, egal wie schrecklich die Idee auch auf dem Papier klingen mag. Nutella und Butter gleichzeitig auf einem Brot? Das klassische Beispiel Ananas auf Pizza? Wie wäre es mit Pommes und Eis? Oder wie Paul Thomas Anderson es sich gedacht hat: Lakritz und Pizza.

Stellvertretend für das Lakritz und die Pizza geht es in PTAs neuestem Film nämlich nicht direkt um diese barbarische Idee einer frischen Essenskonzeption, sondern um seine zwei Protagonisten. Die mitte-20-jährige Alana Kane (Alana Haim) und den 15-jährigen Gary Valentine (Cooper Hoffman), die sich an einem unscheinbar wirkendem Schulfoto-Tag zum ersten Mal treffen.

Lange lässt Gary die Pizza nicht anbrennen, denn bevor sich Alana versieht, hat er sie schon insoweit um den Finger gewickelt, dass sie immer mehr Zeit miteinander verbringen. Aber wie beide ganz genau wissen, aber nicht immer wahrhaben wollen, gleichzeitig ein viel größeres Biest in Form von einer unerlaubten Romanze zwischen ihnen schlummert. ‚Licorice Pizza‘ ist also die Geschichte um zwei Menschen, die nicht nur aufgrund ihres Alters nicht zueinander passen - aber trotzdem irgendwie miteinander funktionieren.

Im Hintergrund stehen die Musik, Trends und Geschehnisse der 1970er-Jahre in der Nähe von Los Angeles. Die der Zeit-Periode entsprechende Musik sorgt für einen großartigen Soundtrack und die jugendliche Sorglosigkeit aus vergangenen Zeiten bricht bis in die moderne Gegenwart durch, wenn man Alana und Gary dabei zusieht, in simpleren Zeiten Dinge zu tun, die heute für ein paar junge Leute nur noch schwer vorzustellen wären.

Stimmung und Atmosphäre sind mitunter die wichtigsten Aspekte des Films, es wird sich stark darauf beruht, ein vielleicht nicht authentisches, aber romantisiertes Bild der Vergangenheit zu erschaffen. Eine Romantik, die man nur so vermitteln und eben erzählen kann, wenn man selbst in dieser aufgewachsen ist. Teil dessen ist die immer passende Kameraführung mit einprägsamen Einstellungen und Kamerafahrten, die einen in jede Szene nur weiter reinziehen, aber einen nie vom Geschehen ablenken. Dynamiken und Geschehnisse akzentuieren, aber nie an Wirkung verlieren lassen. Wie in Tarantinos neuntem Film ist diese Zeitperiode nicht nur eine Art von Dressing, ein Gimmick, um sich mithilfe einer besonderen Ästhetik an künstlerischem Inspiration zu bedienen, nein, sie ist das Herz der Erzählung. Eine Geschichte, die so nur von PTA mit seinen Erfahrungen aus eben dieser Zeitperiode erzählt werden konnte.

Das Ganze ist auch noch mit kulturellen Referenzen aus der damaligen Zeit gespickt mit überzogenem, fast schon homophoben und rassistischem Humor, der sich dadurch rechtfertigt, dass auch dieser Teil dieser Zeit war, oder mit Persönlichkeiten, die einem mehr oder weniger auch heute noch bekannt sein könnten. Paul Thomas Anderson inszeniert diese verschiedenen Charaktere mit genug Humor und krasser Überzogenheit, dass man sich immer so fühlt, als wäre man Teil eines Witzes, einer großen Hommage oder eines Insiders, die eine große Signifikanz besitzen, derer man sich selbst einfach nicht bewusst ist. In dem Sinne fühlt sich ‚Licorice Pizza‘ wie ein sehr persönlicher Film an, der mit, aber auch ohne großes Wissen über das Los Angeles der 1970er genossen werden kann.

Im Vordergrund stehen schließlich trotzdem Alana und Gary, nicht die damalige Zeit und Stadt. Zu komplett verschiedenen Zeitpunkten in ihren jeweiligen Leben ist Alana vollkommen ziellos. Keine Passionen, keine Erfüllung. Ein Leben von Tag zu Tag, ohne etwas zu haben, was ihr auch nur ein kleines bisschen Sinn vermittelt.
Auf der anderen Seite davon steht Gary, schon mit 15 Teil einer halbwegs berühmtem Gruppe an Jugend- und Kinderstars, der immer irgendetwas im Blick hat, irgendeinen Plan und manchmal kurz und langfristige Ambitionen. Schnell bezaubert er Alana mit seiner direkten und jugendlich charismatischen Art, woraus eine Freundschaft blüht, die so erst mal lange anhalten soll.

Für Gary hat die Handlung weniger tragende Konsequenzen als für Alana, die erst durch ihren Zeitvertreib mit Gary und seinen auch-minderjährigen Freunden eine neue Perspektive für ihr Leben gewinnt. ‚Licorice Pizza‘ lässt Gary weiterhin ein Kind sein und tastet sich langsam in Alanas Erwachsensein vor, aber das ist auch nur Teil der Rahmenhandlung.

Die Geschichte ist ein großes push-and-pull von Gary und Alana, ihren Einflüssen aufeinander, diese Freundschaft, diese Liebe, diese Beziehung. Gegenseitiges Aushelfen, Eifersucht und Wiederfinden. Diese zwei – im Grunde noch Kinder – bereiten sich gegenseitig mindestens genauso viel Unwohlsein wie Freude, aber Lakritz und Pizza können eben auch zusammenpassen. Durch dick und dünn sowie die Hochs und die Tiefs. ‚Licorice Pizza‘ findet immer wieder neue Wege, die Dynamik der zwei Protagonisten zu verändern, zu vertiefen und generell frisch zu halten. Es wird sich nicht lange an einem Thema aufgehalten, weil ständige und stetige Veränderung auftritt. Einerseits durch Garys naive Energie, andererseits durch die beinahe bipolare Energie der verbotenen Liebe.

Ein großes Debut für Cooper Hoffman, Darsteller von Gary und Sohn von Schauspiellegende Philip Seymour Hoffman, sowie auch Alana Haim, allen voran Musikerin, das für beide Darsteller fast schon absurd fantastisch ausgefallen ist. PTA nimmt hier den Sohn von einem seiner engsten Schauspieler-Kollegen und Alana Haim, mit der er vorher schon bei Musikvideo-Drehs zusammengearbeitet hatte, und kitzelt derart lebendige und glaubwürdige, mit Nuancen gefüllte Performances aus den beiden Schauspielern heraus, dass es schwer zu glauben ist: Hier handelt es sich nicht um routinierte Langfilm-Schauspieler, hier handelt es sich um relative Newcomer, die vermutlich beide eine große Zukunft vor sich haben. Man stellt sich die Frage, ob bei diesem Film genau diese Rollen explizit für die zwei Schauspieler geschrieben wurden. Die Faust passt nämlich perfekt aufs Auge.

Ein großer Teil des Internetdiskurs rund um ‚Licorice Pizza‘ ist der Altersunterschied zwischen den zwei Protagonisten. Wird hier Pädophilie romantisiert? Ist der Film so überhaupt moralisch vertretbar? Was will der Film überhaupt über die Beziehung der zwei Protagonisten sagen?

Das ist sicher eine Frage, die in jeder Instanz der Produktion und generell vor der Veröffentlichung immer wieder aufgekommen ist. Aber auch ein Punkt, der innerhalb des Rahmens der Erzählung einfach nicht besonders relevant ist. Dem Film ist nämlich von Anfang an bewusst, dass eine derartige romantische Beziehung nicht vertretbar beziehungsweise nicht die Norm ist. Dieser Punkt wird innerhalb des ersten Gesprächs zwischen Alana und Gary so tief in den Kopf des Zuschauers gedrillt, dass man ihn auch gar nicht ignorieren kann. Der Aspekt des Altersunterschiedes taucht auch immer wieder auf, mal explizit mal etwas subtiler, aber der Film und PTA ignorieren ihn nicht. Er ist da, das lässt sich nicht leugnen.

Anstatt groß zu kommentieren, wie moralisch diese Beziehung eigentlich ist, übernimmt der Film nur eine Rolle: Die des Erzählers. Er erzählt einfach nur die Geschichte einer Freundschaft zwischen diesen zwei Menschen, zwei Menschen, die eben einmal unterschiedlich alt sind. Zwei Menschen, die eben nicht zusammenpassen, Lakritz und Pizza, aber zwei Menschen, die trotzdem immer wieder zueinanderfinden, weil sie sich doch auf die eine oder andere Weise lieben. Der Film vertraut darauf, dass der Zuschauer sich selbst eine Meinung über die Charaktere bilden kann. Er ist nicht darin interessiert, einem zu sagen, was man von diesem Altersunterschied halten soll. Er präsentiert uns mit einer Geschichte über diese zwei Menschen und den Effekt, den sie aufeinander haben. Ob dieser lang- oder kurzfristig romantisch ist, wissen wir nicht definitiv. Ob diese Beziehung moralisch vertretbar ist, können aber nur wir selbst wissen, denn der Film sagt es uns nicht selbst. Das muss er auch nicht, er appelliert schließlich an unser kritisches Denkvermögen. Eine Sache, die so einige Menschen aus dem Internet heutzutage zu überfordern scheint.

Letzten Endes ist ‚Licorice Pizza‘ ein Film, der mehr schmeckt, als man es von ihm erwarten würde, oder zumindest, wenn man von den zugrunde liegenden Zutaten einer Pizza mit Lakritz ausgeht. Ein Film, der einen an Orte entführt, die man heute so nicht mehr erleben könnte, ein Film, dessen Stimmung ausschlaggebend zum Vergnügen mit der eigentlichen Handlung ist. Ein Film, dessen verschiedenen Aspekte von eben der Handlung, den Charakteren der Musik, den Sets und Kamera so perfekt zusammenpassen, dass man sich fast schon fragt, ob man nicht doch selbst mal ein paar Lakritzstangen auf seine Pizza schmeißen möchte, obwohl man ganz genau weiß, dass das keine gute Idee ist.

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