After Life ★★★★

Wenn du nur eine Erinnerung behalten dürftest, welche würdest du wählen?
– Eine spannende Frage, die Hirokazu Koreeda für seinen zweiten Langspielfilm wählte, der schon die ruhige und kalkulierte Erzählweise seiner späteren Werke praktiziert und sich thematisch mit dem Prozess des Erinnerns und der daran geknüpften eigenen Identität beschäftigt. Was sagen die glücklichsten Momente eines Menschen über diesen aus? Und können wir überhaupt auf eine einzige Erinnerung reduziert werden? Man kommt nicht umhin, das Gedankenspiel selbst durchzuspielen und festzustellen, wie schwierig es ist, das eigene Leben in kleine Einzelteile zu fassen. Die verschiedenen Charaktere des Films zeigen, wie unterschiedlich Selbstreflektion ausfallen kann und wie uns das, was wir erlebt haben im Guten wie im Schlechten zu dem macht, was wir sind. „L’enfer c’est les autres“ schrieb Sartre aber bei Koreeda wird man selbst zur Hölle, indem man für immer eine frühere Version seines selbst bleiben muss. Welche das sein soll, will gut überlegt sein und auch wenn der Film nie mit großen Gefühlen um die Ecke kommt, ist es bewegend, den Entscheidungsprozess der einzelnen Personen zu verfolgen. Manche haben sofort einen Moment im Kopf, andere haben Probleme, überhaupt eine Erinnerung zu finden. Manche entscheiden sich für die Meilensteine in ihrem Leben, andere erfreuen sich an den banalen Dingen. Manche wägen sorgfältig ab, andere wählen nur das kleinste Übel. Doch alle wählen sie – auf die eine oder andere Art.

Die Nachstellung der persönlichen Vergangenheit in einem Filmset und ihre Aufzeichnung auf Video fügen After Life außerdem eine interessante Metaebene hinzu, auf der die Authentizität einer Erinnerung und die Verlässlichkeit unseres Gedächtnisses in Frage gestellt werden. Koreeda kombiniert in den Interviewszenen Schauspieler und Laien, „echte“ Erinnerungen und gescriptete und vermischt dadurch Wahrheit und Fiktion im Film so, wie sie manchmal auch in unserem Kopf durcheinanderkommen.

After Life zeigt, dass manchmal unsere glücklichsten Erinnerungen zugleich auch unsere schmerzhaftesten sind. Und wem das Erinnern nicht reicht, dem bleibt immer noch die Hoffnung, dass wir unsere schönsten Augenblicke ja vielleicht erst nach dem Tod erleben.