Still Walking ★★★½

„Frauen sind rätselhaft.“
„Wir alle sind rätselhaft.“

Koreedas Filme sind wie langen Sommertage, in die man einfach nur hineinlebt und deren Besonderheit einem erst rückblickend bewusst wird. Passenderweise spielt Still Walking an so einem Sommertag. Ryota besucht zusammen mit seiner Frau und dessen Sohn seine Eltern. Anlass der Familienzusammenkunft ist der Todestag seines älteren Bruders, der viele Jahre zuvor verunglückte. Beim gemeinsamen Essen stehen deutlich alte und neue Konflikte im Raum, die die Beziehung der Familie belasten.
Dreh- und Angelpunkt ist die doppelt dysfunktionale Vater-Sohn-Beziehung. Ryota versucht, sich langsam dem Sohn seiner Frau anzunähern. Dies geschieht, wie oft bei Koreeda zaghaft und vorsichtig. Nur indirekt schließt man Augenkontakt, kommuniziert durch Hände und Spiegel, während man sich daran gewöhnt, eine Familie zu sein. Ryotas Unbeholfenheit resultiert aus der kühlen Beziehung zu seinem eigenen Vater, in dessen Augen er nur ein schlechter Ersatz für den verstorbenen Bruder ist und dessen Erwartungshaltung er nicht erfüllt. Diese Bürde trägt er ständig mit sich herum. Denn Familie hinterlässt ihre Spuren. Blut ist vielleicht nicht dicker als Wasser aber seine Flecken gehen schwer wieder raus.

Neben den persönlichen, werden auch allgemeine Problematiken angesprochen, indem Koreeda seine Familie wie so oft in gesellschaftlichem Kontext platziert. Still Walking reflektiert alte Wertvorstellungen, wenn der Vater über eine „richtige Frau“, einen „richtigen Vater“ oder einen „richtigen Job“ spricht. Er lebt noch in einem Japan der lebenslangen Festanstellung, sein Sohn hingegen kämpft mit Arbeitslosigkeit und Jobsuche. Der strukturelle Wandel klafft zwischen den beiden. Und er beeinflusst auch die Beziehung der alternden Eheleute. Während die Mutter während des gesamten Films bei der Hausarbeit zu sehen ist, wird immer wieder das traditionelle Rollenbild thematisiert. In einer Szene nimmt der Vater ein Bad, als seine Frau hereinkommt um ihm Wäsche zu bringen. Er sitzt dabei im Vordergrund, seine Frau erscheint im Hintergrund, fast unmerklich, ein Symbolbild der „guten“ japanischen Frau. Doch zwischen den beiden stehen eine beschlagene Duschwand und die Vorwürfe in ihrer Stimme. Koreeda hat ein Auge für solche Momente, subtil und doch enorm aussagekräftig.

Zu jeder Zeit schwebt der Geist des verstorbenen Sohns über der Familie und wird zu unausgesprochenem Konflikt und zu offenem Hass, der vielleicht das einzige ist, was das Ehepaar noch eint, welches keine Liebe mehr zueinander zu verspüren scheint. Sein Geist ist der Anlass, dass die Familie zusammenkommt aber auch der Grund, warum sie entfremdet bleiben. Sowie die Mutter ihren toten Sohn nicht gehen lassen kann, kann der Vater seinen Beruf nicht loslassen. Beide haben ihre Rolle verloren, wollen es jedoch nicht zugeben. Und so wahrt man weiter den Schein, anstatt offen über Wünsche, Hoffnungen und Ängste zu sprechen. Die Worte, die man austauscht, sind zwar rasiermesserscharf, schneiden aber immer nur um den wunden Punkt herum.
Am Ende dieses Sommertags hat man es wieder nicht geschafft, aufeinander zuzugehen. Was am Ende mitschwingt, ist weniger Reue als Wehmut. Wehmut für die Dinge, die man nicht gesagt hat.