Crime Scene: The Vanishing at the Cecil Hotel ★★★★

Ich bewerte diese vierteilige Netflix-Dokumentation lustigerweise aus genau dem Grund gut, aus dem viele sie schlecht bewerten: Sie beschäftigt sich ausführlich mit Verschwörungstheorien aus dem Internet.

Allerdings gibt es zwei Arten, mit solchen umzugehen. Entweder man lässt sie unkommentiert stehen oder deutet sogar an, dass sie der Wahrheit entsprechen könnten... und das habe ich in solchen Dokus leider schon öfter erlebt. Oder man entlarvt sie als unwahr und zeigt, was sie anrichten können. Letzteres passiert in diese Dokumentation ohne wenn und aber, und deshalb kann ich nicht nachvollziehen, weshalb man sie mit der Begründung schlecht bewerten sollte, dass YouTubern eine Plattform geboten wird. Sie zeigt vielmehr auf faszinierende Weise, wie leicht man aus zuerst noblen Beweggründen (Mitgefühl, die Suche nach Gerechtigkeit) in einen Sog geraten kann, der einen irgendwann den Bezug zur Realität verlieren lässt. Bis es soweit kommt, dass Unbeteiligte in den Selbstmord getrieben werden können, nur weil sie in die Schusslinie der Hobbydetektive geraten. Dieser Aspekt war für mich noch gruseliger als das berüchtigte Fahrstuhlvideo.

Man bekommt hier im Grunde zwei Dokumentationen in einer geboten: Zum einen wird in klassischer True Crime Art der ungewöhnliche Fall der kanadischen Studentin Elisa Lam aufgerollt, die bei einem Urlaub in L.A. spurlos verschwand. Zum anderen wird der damit untrennbar verbundene Internet-Hype thematisiert, der damals durch ein verstörendes Video ausgelöst wurde, das von der Polizei veröffentlicht wurde. Es war die letzte Aufnahme des Opfers vor ihrem Verschwinden, in einem Fahrstuhl des Hotels. Elisa benimmt sich darin merkwürdig und scheint sich verfolgt zu fühlen, weswegen bald die wildesten Verschwörungstheorien kursierten. War es Mord? Vertuschten die Polizei und das Hotel etwas? Wer kam als Täter in Frage?

Mir hat gefallen, wie die Dokumentation beide Seiten des Falls beleuchtet: Zum einen haben sie mit der Hoteldirektorin, beteiligten Polizisten und dem Gerichtsmediziner seriöse Quellen, die tatsächlich etwas dazu beitragen können, Klarheit zu schaffen. Es kommen aber auch die Youtuber zu Wort, die ihre damalige Sicht auf den Fall schildern und wie er sie auf ungesunde Weise in seinen Bann zog. Man könnte kritisieren, dass zuerst alle möglichen Theorien wiedergegeben und erst später aufgelöst wird, weswegen sie nicht stimmen können. Aber bei einem Vier-Teiler sollte man halt auch alle vier Teile gucken. Die Wirkung war dadurch für mich sogar klarer, weil die Ereignisse in chronogischer Reihenfolge erzählt werden. Wir stecken selber in den Schuhen der "Internet-Schnüffler", die versuchen, eins und eins zusammenzuzählen, aber (noch) nicht über alle Informationen verfügen. Dadurcdh kann man einigermaßen nachvollziehen, wie die Situation überhaupt derart eskalieren konnte.

Das Ende ist vielleicht etwas kitschig geraten, aber es war gut, dass sie den Fokus zum Schluss noch einmal auf das Opfer gerichtet haben. Insgesamt eine runde Sache, und gerade dann einen Blick wert, wenn man die Umstände des Falls noch nicht auswendig kennt. Ich hatte zwar damals das Fahrstuhl-Video gesehen und wusste von dem Wassertank, aber das ganze Drumherum ist noch viel größer. Gerade den Aspekt mit dem Internet-Hype kann man nicht vom eigentlichen Fall trennen. Ich habe schon einige True Crime Dokus gehen, aber fand diese gerade wegen dieser zweiten Ebene sehr spannend.