Derren Brown: Pushed to the Edge ★★★★

Wer mich kennt, weiß, dass ich eine tiefe Verachtung gegenüber den meisten Reality TV Formaten empfinde. Casting Shows und selbst das von einer breiten Masse akzeptierte Dschungelcamp kann ich mir nicht länger als 5 Minuten antun.

Dass es mir bei THE PUSH nicht so ging, mag daran liegen, dass es in erster Linie ein psychologisches Experiment ist. Die Frage, ob das, was mit den Kandidaten hier angestellt wird, moralisch vertretbar ist, habe ich mir trotzdem gestellt. Auch wenn sie ihre Einwilligung gegeben haben, kann man darüber streiten, ob eine Show so weit gehen darf, jemandem den Tod eines anderen Menschen vorzuspielen. Ich bin mir selber nicht sicher, ob der Zweck hier die Mittel heiligt. Vielleicht ändere ich meine Meinung in Zukunft noch... aber gerade bin ich völlig fasziniert von dem Ergebnis.

Derren Brown ist ein britischer Zauberkünstler und Mentalist, der vor allem durch seine psychologischen Tricks bekannt wurde. Für die Netflix Doku "THE PUSH" will er herausfinden, ob man völlig normale Menschen innerhalb kurzer Zeit durch sozialen Druck dazu bringen kann, einen Mord zu begehen. Dafür hat er ein akribisch vorbereitetes Szenario entworfen. Der Kandidat denkt, dass er zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung eingeladen wurde, die jedoch komplett gestellt ist. Dort werden vom Veranstalter zunächst kleine Gefälligkeiten verlangt, wie etwa Hilfe in der Küche. Die erste Herausforderung besteht darin, dass der Kandidat Häppchen mit Fleisch als vegetarisch kennzeichnen soll. Nach und nach steigern sich die unangenehmen Verwicklungen, bis es am Ende darum geht, einen lebenden Menschen vom Dach in den sicheren Tod zu schubsen.

Was mich zum einen fasziniert hat, war der Aufbau des Experiments. Egal wie es ausgehen würde, alleine dafür lohnt es sich schon. Die Schauspieler, die Requisiten, der Ablauf... alles greift wie ein Uhrwerk ineinander. Hier könnte man jetzt einwerfen, dass mit einer so perfekten Planung und der davor durchgeführten Auswahl geeigneter Kandidaten (sie haben sich beworben und waren sogar bei einem Casting) klar ist, dass man jedes Ziel erreichen kann. Aber es geht ja genau darum, was ist, wenn Menschen gezielt manipuliert werden. Das wird hier zwar auf die Spitze getrieben, weil innerhalb von 2 Stunden ein sehr hoch gestecktes Ziel erreicht werden soll. Aber trotzdem lässt sich daraus eine Menge auf unseren Alltag ableiten. Denn man fragt sich unweigerlich bei jeder neuen Situation, in die der Kandidat gerät, wie man selber reagieren würde. Könnte man wirklich nein sagen?

Der zweite Punkt, den ich an THE PUSH sehr faszinierend fand, war das Ende. Ich verrate jetzt nicht, ob die letzte Aufgabe, den Mord zu begehen, erfüllt wird oder nicht. Aber ich hätte an diesem Punkt mit etwas anderem gerechnet.

Wer schon immer den Verdacht hatte, dass wir zu leicht zu beeinflussen sind, dem kann ich THE PUSH sehr empfehlen. Und wer denkt, dass ihn das auf keinen Fall betrifft, dem sowieso. Gut fühlt man sich danach aber nicht unbedingt.