Gladbeck: The Hostage Crisis

Gladbeck: The Hostage Crisis ★★★★

Sind wir heute durch Social Media und ständige Live-Berichterstattungen abgestumpfter und sensationsgeiler als frühere Generationen? Gladbeck zeigt auf sehr verstörende Weise, dass es in den 80ern nicht besser aussah. Einiges ist heute glücklicherweise zumindest in Deutschland nicht mehr in dieser Form denkbar, weil man aus den Fehlern von damals gelernt hat. Die Gesetze wurden verschärft, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass von der fröhlichen Meute an Reportern jemand ernsthaft hinterfragt, was er da tut. Und auch die Passanten, für die das Ganze ein reines Unterhaltungsprogramm zu sein scheint, geben sich gar nicht erst die Mühe, Betroffenheit zu heucheln. Sie stehen im Weg herum, bringen sich und andere in Gefahr und lachen noch dabei.

Diese Dokumentation braucht keine zusätzlichen Erklärungen oder neu gefilmte Szenen, weil die Presse damals die komplette Geiselnahme verfolgt hat. Sie stand in der ersten Reihe, die Polizei irgendwo dahinter... oft gar nicht im Bild. Geiseln, die gerade mit geladenen Waffen bedroht werden, bekommen absurde Fragen gestellt und ein Journalist setzt sich sogar freiwillig zu den Gesielnehmern ins Auto. Die Kamera wird drauf gehalten, wenn Kinder erschossen werden sollen, und bei Verfolgungsjagden wird die Polizei behindert. Teilweise konnte ich nicht fassen, was man hier sieht. Im Sommer 1988 war ich erst 5 Jahre alt, und deshalb waren die Bilder jetzt neu für mich. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet das Material, das damals aus Sensationsgier aufgenommen wurde, jetzt mit der klaren Botschaft für sich stehen kann, dass sich so etwas nicht wiederholen sollte. Und zwar nicht die Geiselnahme an sich (auch wenn die Polkizei hier offenkundig ebenfalls Fehler begangen hat), sondern der Umgang der Medien damit.