The Wailing ★★★★

Seit THE WAILING 2016 zu den am besten bewerteten Horrorfilmen bei Letterboxd gehörte, wollte ich ihn unbedingt sehen, habe allerdings lange auf den passenden Moment gewartet. Er ist halt mit seinen 156 Minuten für einen Genrefilm ziemlich lang, und noch dazu koreanisch, was einem die Wahl zwischen einer nicht ganz idealen Synchro und Untertiteln lässt. Davon sollte man sich allerdings nicht abschrecken lassen, denn die Begeisterung für diesen Film ist absolut gerechtfertigt, und jetzt bereue ich es, ihn nicht früher gesehen zu haben.

Ohne zu viel zu verraten lässt er sich am ehesten dem Genre des Okkult-Horrors zuordnen, beginnt dafür aber überraschend leichtfüßig. Die Comedy-Elemente in der ersten halben Stunde dürften vor allem westliche Zuschauer irritieren, zumindest mich haben sie zuerst ein wenig rausgereissen. Wer aber schon einige südkoreanische oder japanische Filme gesehen hat weiß, dass man sich davon nicht in falscher Sicherheit wiegen lassen sollte. Der trottelige Polizist wäre nach Hollywood-Standards wahrscheinlich einfach der trottelige Polizist geblieben, hier allerdings wird er in eine Spirale des Horrors gesogen, die immer gnadenloser wird. Mit dem Lachen ist es dementsprechend schnell vorbei und THE WAILING entfaltet eine sehr bedrohliche Atmosphäre. Gekonnt unterstrichen wird das durch die Bilder, die nicht nur auffallend schöne Landschaften bieten, sondern auch das Dorf in liebevollen Details einfangen. Dazu der prasselnde Regen als Vorbote des Bösen. Erstklassige Arbeit. Wer jetzt bei der Länge und den hübschen Bildern denkt, dass es sich um einen langatmigen Kunstfilm handelt, liegt falsch. Es wird sich zwar Zeit gelassen, die Handlung auszubreiten, aber es passiert ständig etwas Neues und das alles ist sehr kurzweilig inszeniert. Einige Kritiker bemängeln, dass es mehrere unterschiedliche Horrorfilme in einem sind, aber gerade diese Abwechslung hat mir gefallen.

THE WAILING ist vor allem der ideale Film zum Miträtseln, denn obwohl von der Dorfbevölkerung früh ein Schuldiger für die mysteriösen Vorfälle ausgemacht wird, schränken ganz offensichtlich Paranoia und Angst vor dem Fremden das Urteilsvermögen ein. Als dann noch andere Figuren dazu kommen, entwickelt sich ein geschickt inszeniertes Verwirrspiel, bei dem immer wieder in Frage gestellt wird, was man gerade glaubt.

Apropos Glauben - wie hier Religion thematisiert wird, finde ich sehr spannend. Das Dorf, um das es geht, wirkt in seiner Abgeschiedenheit ein wenig aus der Zeit gefallen, so dass hier der Glaube an Schamanen und Dämonen noch völlig normal wirkt. Aber es wird außerdem mit christlicher Symbolik gearbeitet, wenn es um "gut" und "böse" geht. Die Grenzen verwischen dabei ständig, denn so einfach wie bei DER EXORZIST geht es in der Welt von THE WALING längst nicht mehr zu. Und das ist für mich der große Reiz daran, denn trotz klassischer Horrorelemente sieht man selten einen so intelligenten Umgang mit dem Thema.

Also: Ansehen!

! ! ! ACHTUNG ! ! !
! ! ! AB HIER SPOILER ! ! !

Nachdem ich mit meinem Mann gestern noch eine Weile über den Film geredet habe, möchte ich doch ausnahmsweise ein paar Überlegungen aufschreiben. Lest nicht weiter, wenn ihr den Film noch nicht kennt.

Grundsätzlich ist ja schon mal klar, dass die fremde Frau helfen will und der Japaner der Dämon ist. Schon früh wird das anscheinend dadurch angedeutet, dass sie die Steine wirft - denn wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Der Schamane, der von der Familie engagiert wurde, arbeitet wohl mit dem Dämon zusammen. In der Nähe der Frau beginnt er, Blut zu spucken, er versucht Jeon Jong früher ins Haus zu locken und am Ende verwahrt er die angeblich verbrannten Fotos. Das führt uns allerdings zu der Frage, weswegen er das Todesfluch-Ritual abgehalten hat. Durch das Zusammenschneiden der Szenen wird dem Zuschauer suggeriert, dass er wie angekündigt dem Dämon Schmerzen zufügt, um ihn zu töten - aber das sollen wir wohl nur denken. Ich sehe es so, dass das Ritual sich gegen das kleine Mädchen richtet (ihr geht es dabei schließlich ebenfalls schlechter), und dass der Dämon es verstärkt und dabei von der Frau bei seiner Hütte gestört wird. Töten kann man ihn ja nicht, wie wir inzwischen wissen.

Die Frau hat durchaus die Macht, den Dämon fern zu halten, allerdings besteht anscheinend niemand ihre Glaubensprobe. Was ich auch noch interessant finde, ist ihr Hinweis am Ende, dass der Dämon seine Gründe für sein Handeln hat. Das Mädchen hat er ausgewählt, weil deren Vater bloß wegen Gerüchten einen Menschen verdächtigt und letztendlich getötet hat. Zu Recht irritiert Jeon Jong daran, dass sie schon krank wurde, bevor das geschah. Wahrscheinlich ist der Dämon allwissend genug, um in die Zukunft sehen zu können, und zu wissen, welche Menschen auf diese Art handeln werden. Jeon Jong war ja nicht der einzige.

Mein Mann hatte noch eine Idee, an der etwas dran sein könnte: Kann es sein, dass das Mädchen gar nicht Jeon Jongs Tochter ist, sondern die seines Freundes (der andere Polizist), weil seine Eehefrau eine Affäre hatte? Zum einen wegen der Formulierung "ihr Vater" statt einfach "du" zu sagen. Zum anderen betont Jeon Jong im Verlauf des Films sehr oft "MEINE TOCHTER", während die Beziehung zu seiner Frau nicht mehr ganz ideal zu sein scheint. Wäre es wahr, würde es passen, weil der andere Polizsit der erste war, der den Japaner als Verdächtigen ins Gespräch gebracht hat. Und zwar noch bevor die Kleine krank wurde.

Eine Zweitsichtung wäre wahrscheinlich sinnvoll. :)